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Geschrieben von am 11.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Kultur | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Kultur: Nichts für Feiglinge mit (nur) dem ersten Blick

Interkulturelle Öffnung in der Kultur:  Nichts für Feiglinge mit (nur) dem ersten Blick

„Kultur“ ist ein Wort, das in unendlich vielen Bedeutungen verwendet wird. Wer mit einem Werkbuch zum Nachdenken über Interkulturalität anregen will, der muss sich die Frage gefallen lassen: „Welches Verständnis von Kultur bringst du mit?“

Kultur wird immer von einer Gruppe von Menschen gemacht – und umgekehrt hat jede Gruppe ihre Kultur. Denn Menschen, die sich einer Gruppe zugehörig fühlen, verständigen sich auf ein System von Regeln, die existenzielle Orientierung bieten: Wie begrüße ich morgens meine Arbeitskollegin? Was ziehe ich zu einem Fest an? Wie denke ich über den Tod?

Die kulturelle Prägung durch das, was andere um mich herum tun, beginnt vor der Geburt und bleibt ein Leben lang. So beeinflusst die Kultur ihrer Mitmenschen jeden Tag neu, wie Individuen sich verhalten – aber auch, was sie denken, glauben und empfinden. In welcher Form Menschen etwa ihre Trauer auszudrücken gewohnt sind, haben sie in ihrer Kultur von Kindesbeinen an gelernt. Über solche Verhaltensstandards wird selten explizit gesprochen: „Man macht das so“, ist der unausgesprochene Leitsatz aller gelebten Kulturen. Solche Regeln machen das Leben einfacher, weil der einzelne Mensch absehen kann, wie seine Mitmenschen sich verhalten – und er kann sein Verhalten entsprechend anpassen. Dies geschieht in den seltensten Fällen als bewusste Verhaltensänderung.

Interkulturalität braucht Selbstreflexion
Dabei hat das Set von Verhaltensstandards, das eine Kultur vorhält, keinen festen Bestand. Kultur verändert sich und wird täglich neu verhandelt. Darum wird sich ein Mensch auch in seiner eigenen Kultur jeden Tag rückversichern, dass die gewohnten Regeln weiterhin Gültigkeit besitzen – und sei es nur dadurch, dass er sie unreflektiert anwendet.

Aber was geschieht, wenn einem ein Fremder begegnet, der sein Leben nach den Maßstäben einer anderen Kultur auszurichten gewohnt ist? Das ist eine intuitive menschliche Reaktion auf interkulturelle Andersartigkeit: Dass der Fremde sich anders verhält, als ich es kenne und erwarte, wird zunächst ihm zur Last gelegt! So wie „wir“ uns verhalten, das ist doch richtig, gut und vernünftig, oder nicht? So lautet der erste Impuls eines sehr menschlichen Ethnozentrismus.

Erst in einem längeren Gesprächsprozess, der Offenheit und Dialogbereitschaft voraussetzt, kann sich die Erkenntnis durchsetzen, dass auch das Verhalten und Empfinden des fremden Anderen legitim ist. Ja, oft kommen erst jetzt schlagartig die eigenen kulturellen Prägungen zu Bewusstsein. Und mehr noch, sie werden durch die andere Kultur massiv infrage gestellt. Wenn jemand dann noch zulässt, dass der andere ihm auf den Kopf zusagt, wie er ihn und seine Kultur wahrnimmt, kann das dem eigenen Selbstbild stark zusetzen.

Interkulturalität ist der Mut, genauer hinzuschauen
Wie rasch vorschnelle Urteile gefällt werden über das, was einfach „nur“ fremd erscheint, das belegt das abgebildete Plakat der Werbefirma Demner, Merlicek und Bergmann. Betrachten Sie einmal das Bild auf dieser Seite, das 2013 in deutschen Großstädten plakatiert wurde. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit.

Und? Haben Sie dieses innere Stocken bemerkt: Die Verwirrung angesichts der fremden arabischen Schriftzeichen? Welche Bilder kamen da bei Ihnen hoch? Aber dann die Erkenntnis, dass in dem Fremden etwas Bekanntes steckt. Dass es sich doch um „lesbare“ Schriftzeichen handelt, die den simplen Satz wiedergeben: „Auf den ersten Blick scheint Vieles unverständlich.“

Interkulturalität ist der Mut, ein zweites Mal hinzuschauen, um – gemeinsam mit dem anderen – Verwirrendes und Gemeinsames zu entdecken. Denn Kultur – und interkulturelle Begegnung – ist das, was Menschen daraus machen.

Foto: Die Wiener Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann entwickelte das überraschende Plakat „Look Twice!“ im Rahmen einer Kampagne für den Steierischen Herbst 2012.

Dr. Stefan Heinemann

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