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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Zukunft, Interkulturelle Öffnung in stadtteilbezogener Diakonie | Keine Kommentare

Was ist Interkulturelle Öffnung in der Zukunft? Ein fiktiver Ausblick in das Jahr 2040

Was ist Interkulturelle Öffnung in der Zukunft?  Ein fiktiver Ausblick in das Jahr 2040

Keiner weiß, wie der Prozess „Interkulturelle Öffnung“ verlaufen wird. Keiner hat die Gabe, in die Zukunft zu sehen. Doch manchmal motivieren Zukunftsvisionen auch. Wie oft wünschen wir uns, eine Art Zeit-Fernglas zu haben, um die Wirkungen unseres Tuns (oder Lassens) besser abschätzen zu können. Die Szenarien von heute sind die Rückblicke von morgen. Lassen wir einige Rückblicke aus dem Jahre 2040 auf uns wirken.

„Interkulturelle Öffnung hat uns die Augen (und Herzen) dafür geöffnet, dass unsere Kirche von einer bestimmten Kultur geprägt ist. Es hat uns gutgetan, das Evangelium von dieser Kultur unterscheiden zu lernen und offen zu sein für Menschen aus anderen Kulturen und ihre Ideen von Kirche und Glauben.“

„2015 begann – zunächst kaum wahrgenommen – eine der wichtigsten Veränderungen in unserer Kirche: Heute sind schon die Gesichter im Gottesdienst vielfarbig. Der Einfluss aus anderen Ländern auf die Lieder, Gesten und die Liturgie sind unverkennbar.“

„Interkulturelle Öffnung“ war von vornherein ein biblisches Projekt: Unsere Kirche besann sich eigentlich auf ihre Wurzeln: die Vielfalt, die am Anfang des Evangeliums stand. Ich meine, sie hat deshalb auch bei der geistlichen Neuorientierung geholfen.“

„Um 2015 begann die Migration nach Deutschland erst richtig. Ich weiß noch: Plötzlich kamen Hunderttausende Flüchtlinge übers Mittelmeer. Das hat unsere Gesellschaft und unsere Kirche ganz schön durchgeschüttelt. Gut, dass mit der „Interkulturellen Öffnung“ rechtzeitig begonnen wurde, auf diese Entwicklung zu reagieren.“

„Die Inkulturation des Evangeliums in Mitteleuropa über Jahrhunderte ist so stark, dass sich eine Öffnung für andere Formen, Kulturen und Sprachen als Illusion erwiesen hat.“

„Interkulturelle Öffnung, das war schon was: Anders, als es sich die Initiatoren gedacht haben, aber mit viele guten, ungeahnten Folgen.“

„Natürlich arbeiten heute auch Muslime und selbst Atheisten in der Kirche mit; nicht in den Leitungsgremien, in Lehre und Verkündigung. Wohl aber in Gruppen, Kreisen, der Verwaltung und Diakonie. Warum sollten nur Christen am Reich Gottes mitarbeiten?“

„Interkulturelle was? Ach, das war doch einer dieser unzähligen Reformprozesse in den ersten 20 Jahren des Jahrhunderts. Gut, dass das vorbei ist.“

„Interkulturelle Öffnung – war ja ein netter Versuch. Aber die Aussicht, Kirche mit Migranten und sogar Nicht- und Andersgläubigen gestalten zu sollen, hat eher zum Gegenteil geführt: Gemeinden haben sich in ihre Traditionen und Gewohnheiten zurückgezogen.“

„Der Prozess der Interkulturellen Öffnung ist leider gescheitert: Deutsche, deren Eltern aus anderen Teilen der Welt stammen, haben sich – wenn überhaupt – in Freikirchen und ethnozentrischen Gemeindegruppen organisiert. Die Landeskirche ist heute immer noch eine weiße, kultur-deutsche.“

„Heute gibt es in der Evangelischen Kirche im Rheinland fünf internationale Gemeinden: ein Drittel der Pfarrerinnen und Pfarrer haben Eltern, die im Ausland geboren wurden, zu meiner Ortsgemeinde gehören drei verschiedene muttersprachliche Gruppen. Wir feiern gemeinsam, aber auch getrennt, nach verschiedenen Traditionen Gottesdienst. Alle Gruppen sind im Presbyterium vertreten.“

Markus Schaefer

Markus Schaefer

geb. 1966, ist Landespfarrer für die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in der Evangelischen Kirche im Rheinland und in der Evangelischen Kirche von Westfalen und Mitglied der Steuerungsgruppe zur Interkulturellen Öffnung in der EKiR.
Markus Schaefer

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