Kategorien

Geschrieben von am 13.07.2015 in Allgemein | Keine Kommentare

Leseprobe aus dem Werkbuch Interkulturelle Öffnung: Vorwort von Präses Manfred Rekowski

Leseprobe aus dem Werkbuch Interkulturelle Öffnung: Vorwort von Präses Manfred Rekowski

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Schwestern und Brüder!

Im Jahre 2014 rückte Deutschland hinter den USA auf der Liste der beliebtesten Einwanderungsländer auf den zweiten Platz vor. Nie zuvor kamen so viele Menschen nach Deutschland. 20 Prozent der Bevölkerung Deutschland haben einen Migrationshintergrund.
Der Wandel zur Einwanderungsgesellschaft hat zu einer breiten Diskussion geführt, löst Ängste und Sorgen aus, birgt aber auch Chancen und weckt Hoffnungen.

Die Evangelische Kirche hat diesen Wandel bislang noch kaum nachvollzogen. Zwar werden Immigrantinnen und Immigranten in den Blick genommen, wenn sie diakonische Zuwendung empfangen. Eine Willkommenskultur wird auch in den Gemeinden angemahnt; die Auswirkungen des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels auf das Leben der Gemeinden und das Verständnis unserer Kirche wurden jedoch bislang nur ansatzweise bedacht. Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland hat daher beschlossen, einen umfassenden theologischen Diskussionsprozess zur Interkulturellen Öffnung anzustoßen.

Menschen, die aus aller Welt zu uns kommen, andere Gewohnheiten und Kulturen, oft auch andere religiöse Überzeugungen mitbringen, fordern uns heraus:

  • Menschen, die nach Deutschland einwandern, sind begabt und leisten ihren Beitrag zum Zusammenleben in der Gesellschaft; sie sind nicht bloß Objekt unserer Integrationsbemühungen. Wir erkennen die Notwendigkeit, in Zukunft stärker „Kirche mit anderen“, als nur „Kirche für andere“ zu sein.
  • Sie wünschen Auskunft von uns, was wir glauben. Die „Sprachfähigkeit im Glauben“ gilt auch und besonders Menschen gegenüber, denen unsere Glaubenstraditionen (noch) unbekannt sind. Wir haben die Aufgabe, neue Worte zu finden, um unseren Glauben zu bezeugen.
  • Die Vielfalt der Kulturen, Meinungen und Glaubensformen, die die Menschen nach Deutschland mitbringen, halten uns vor Augen, wie sehr die Ausprägung unseres evangelischen Glaubens kultur- und zeitgebunden ist. Wir haben die Chance, im Spiegel der Vielfalt den Reichtum und zugleich die Begrenztheit unserer Traditionen zu erkennen.
  • Menschen, die nach Deutschland einwandern, verändern die religiöse und konfessionelle – 57 Prozent von ihnen sind Christinnen und Christen – Landschaft. Neue Formen des Dialogs und der Zusammenarbeit müssen erweisen, ob sich unser Bekenntnis zu ökumenischer Offenheit und religiöser Toleranz im Alltag bewährt.

Es geht um mehr als um arbeitsrechtliche Fragen, es geht um eine Standortbestimmung der Evangelischen Kirche im Rheinland in der Einwanderungsgesellschaft.

Das vorliegende Werkbuch möchte dazu anregen, die Wahrnehmung der kulturellen Vielfalt in unserer Gesellschaft zu schärfen, bereits bestehende Arbeitsfelder interkultureller Zusammenarbeit in unserer Kirche kennenzulernen, nach theologisch-ekklesiologischen Konsequenzen zu fragen und gemeinsam über notwendige Veränderungen in der Praxis von Gemeinden, Werken und Einrichtungen nachzudenken.

Die gesellschaftliche wie theologische Herausforderung einer Interkulturellen Öffnung ist neu. Deshalb halten Sie ein Werk-Buch in den Händen, das weder konkrete Ergebnisse vorwegnehmen kann noch theologische Entscheidungen treffen will. Wenn es dazu beiträgt, das Gespräch in Gruppen, Presbyterien, auf Konferenzen und Tagungen voran zu bringen und Vorurteile und Meinungen aufzubrechen, hat es sein Ziel erreicht.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre und angeregte Diskussionen.

Herzlich,
Ihr
Manfred Rekowski
Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland

Manfred Rekowski

Manfred Rekowski

Manfred Rekowski ist Präses der evangelischen Kirche im Rheinland.
Manfred Rekowski

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 − = 10