Kategorien

Geschrieben von am 11.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in Gemeinden anderer Sprache und Herkunft | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft Geschwister im Glauben – keine (lästigen) Gäste, sondern Partner

Interkulturelle Öffnung mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft  Geschwister im Glauben – keine (lästigen) Gäste, sondern Partner

Interkulturelle Öffnung – vielen, die dieses Stichwort hören, kommt spontan das Bild einer verschleierten Muslima und der Gedanke, dass sie nach einer Interkulturellen Öffnung als Erzieherin in einer evangelischen Kirchengemeinde arbeitet. Medien suggerieren einen gesellschaftlichen Wandel, der darin bestehe, dass Millionen muslimischer Menschen nach Deutschland strömten und die deutsche Kultur „überfremden“. Selbst aufgeklärte Zeitgenossen engen das Bild der Interkulturellen Öffnung gerne auf Menschen muslimischen Glaubens ein. Dass der Anteil der Muslime an der deutschen Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist, ist richtig. Ebenso richtig ist, dass die Verständigung und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen – und keinen – Glaubens ein wichtiges Anliegen der evangelischen Kirche ist. In einer pluralistischen und multireligiösen Gesellschaft kann sie nicht länger unter Verweis auf historische Privilegien eine Sonderstellung beanspruchen. Ihr Auftrag besteht vielmehr darin, ihren Glauben auch durch den Einsatz für eine gewaltfreie und dialogbereite Gesellschaft zu bezeugen.

Viel zu wenig wahrgenommen wird allerdings auch die Tatsache, dass nach staatlichen Angaben etwa zwei Drittel der Immigranten nach Deutschland Christinnen und Christen sind. Ob Arbeitsuchende aus Bulgarien, Facharbeiter aus Spanien, Asylbewerber aus Syrien oder Flüchtlinge aus Zentralafrika: Die Mehrheit gehört einer christlichen Kirche an. Nur wenige von ihnen geben als Konfession „evangelisch“ an. Innerhalb einer Religion sind viele Kulturen zu Hause, und umgekehrt kann es innerhalb einer Kultur Angehörige verschiedener Religionen geben. Spätaussiedelnde aus der früheren Sowjetunion pflegen als „gut evangelische“ Christen eine andere Kultur; zu den Muslimen in Deutschland gehören viele, die sich kulturell als deutsch bezeichnen.

Interkulturelle Begegnung ist anstrengend

Im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche von Westfalen gibt es inzwischen über 600 Gemeinden anderer Sprache und Herkunft. Sie bilden längst die konfessionelle Vielfalt der Kirche Jesu Christi in der Welt ab: In 42 Sprachen wird jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert. Das Spektrum reicht von den vielen römisch-katholischen Missionen über die rasch wachsenden orthodoxen Gemeinden aus Osteuropa und orientalischen Kirchen wie die Kopten und syrisch-orthodoxen Gemeinden bis hin zu den vielen unterschiedlichen Gemeinden, die aus der Reformation erwachsen sind. Unter diesen sind nach Mitgliedern die europäischen Auslandsgemeinden, reformierte Ungarn und lutherische Finnen, die größten; zahlenmäßig sind charismatische und pfingstlerische Gemeinden, die oft nur 30 bis 40 Mitglieder umfassen, am stärksten vertreten. Als exotische Gäste bei Gemeindefesten, als Farbtupfer bei Synoden oder als musikalisches Kontrastprogramm mit Trommeln in Gottesdiensten sind sie willkommen, als wirkliche Partner, als Geschwister dagegen nur selten anerkannt. Denn wenn die Gemeindeküche ständig nach koreanischem Kimschi riecht, Synodale afrikanischer Herkunft unseren Umgang mit dem Geld kritisieren und Schlagzeug und E-Gitarre der Orgel wirklich Konkurrenz machen, wird die Veränderung der ökumenischen Landschaft sinnfällig und die Interkulturelle Begegnung mit anderen Christinnen und Christen anstrengend. Und sie ist es! Der Gottesdienst von Gemeinden anderer Sprache und Herkunft ist uns oft fremd. Lautes, gemeinschaftliches Gebet, laute Musik, lange Predigten, sogar Prophetie oder gar Exorzismen gehören nicht in unsere Gottesdienstordnung. Schauen wir genau hin, sind es oft weniger die theologischen Differenzen – denn schon die akademische Feststellung von Glaubenssätzen ist eine europäische Eigenheit – als vielmehr kulturelle Einstellungen, die auch das Gottesdienstleben von Gemeinden anderer Sprache und Herkunft prägen.

Keine Angst! Niemand soll demnächst nach der Predigt in einer evangelischen Kirchengemeinde in Zungen reden. Doch Interkulturelle Öffnung beginnt unter Christen. Zu einer Willkommenskultur gehört auch, die Geschwister im Glauben nicht länger als (lästige) Gäste zu begreifen, sondern wirklich Partnerschaft und Austausch zu pflegen, zu teilen. Da empfiehlt es sich, beim Gemeinsamen anzufangen. Bewährt hat sich das Bibel-Teilen (Bible sharing), eine einfache, aus Südafrika stammende Methode, einander über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg Erfahrungen mit biblischen Texten (und aus dem Alltag) mitzuteilen.

Im Netzwerk unabhängig bleiben

Auf dem Weg zu einer besseren Zusammenarbeit haben sich im Rheinland und in Westfalen 140 der Gemeinden anderer Sprache und Herkunft und die beiden Landeskirchen zum Netzwerk „Internationaler Kirchenkonvent IKK“ zusammengeschlossen: http://ikk.ekir.de. Der IKK ist 2012 aus dem so genannten „Listenprozess“ erwachsen, der 1999 als Programm der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) startete. Partnerschaftlichkeit und Verbindlichkeit kennzeichnen die Zusammenarbeit: Die Mitgliedsgemeinden behalten ihre organisatorische und theologische Unabhängigkeit, stimmen aber den folgenden fünf Kriterien zu:

  1. Die Gemeinde bekennt sich zur Glaubensbasis des Ökumenischen Rates der Kirchen.
  2. Die Gemeinde verpflichtet sich zur ökumenischen Zusammenarbeit mit deutsch- und anderssprachigen Kirchen auf der biblischen Basis von Johannes 15,12; 17,21.
  3. Die Gemeinde ist organisatorisch stabil. Sie hat sich als eingetragener Verein (e.V.) konstituiert oder verfügt seit mindestens drei Jahren über eine feste Organisationsstruktur. Mindestens eine Leitungsperson muss deutsch sprechen.
  4. Mitarbeitende der Gemeinde müssen grundsätzlich bereit sein, an Fortbildungsveranstaltungen der evangelischen Landeskirchen in Deutschland teilzunehmen.
  5. Die Gemeinde legt zwei schriftliche Empfehlungsbriefe der deutschen Gastgebergemeinde und/oder von einem Netzwerk oder Rat fremdsprachiger Gemeinden vor, die bestätigen, dass die empfohlene Gemeinde die Kriterien erfüllt.

Die Mitgliedsgemeinden des IKK bringen zum Dienst an der sichtbaren Einheit der Kirche Jesu Christi und am gemeinsamen Zeugnis von der liebevollen Zuwendung Gottes zur Welt in Jesus Christus ihre Frömmigkeit, ihre Tradition und ihre kulturelle Identität ein. Sie profitieren von den Erfahrungen der anderen Mitgliedskirchen und in gleicher Weise von den Landeskirchen, die für sie eintreten. Die Arbeit des IKK wird von einem Komitee geleistet, in dem paritätisch Vertreter und Vertreterinnen aus drei Kontinenten und verschiedenen Traditionen mitarbeiten. Seine Mitglieder werden von der Vollversammlung des IKK bestätigt, die einmal jährlich zusammentritt.

Ökumenische Zusammenarbeit im Netzwerk

Die Vorteile der Mitgliedschaft im Internationalen Kirchenkonvent (Rheinland Westfalen) sind:

  • Teilnahme an den Veranstaltungen des Netzwerks wie der jährlichen Vollversammlung;
  • Einladung zu Fortbildungen der Landeskirchen wie dem KikK-Kurs („Kirche im interkulturellen Kontext“), zu Fortbildungen von Mitarbeitenden im Kindergottesdienst und Fachtagungen;
  • Einladungen zu Veranstaltungen der Landeskirchen, ihrer Werke und Einrichtungen wie dem Missionale-Treffen, Gospel-Kirchentagen und Kirchentagen (DEKT);
  • Empfehlungsbriefe für Seelsorgerinnen und Seelsorger für Besuche in Krankenhäusern und Gefängnissen;
  • Empfehlungen an die Ausländerbehörden, Botschaften und Konsulate bei der Erteilung von Visa für Besucherinnen und Besucher aus den Herkunftsländern und in Aufenthaltsrechtsfragen;
  • Ausnahmsweise Einstellung in Beschäftigungsverhältnisse in der Evangelischen Kirche im Rheinland (analog zu Mitgliedern von ACK-Kirchen);
  • Möglichkeit zum Verkauf von kirchlichen Gebäuden an Gemeinden des Internationalen Kirchenkonvents (Rheinland Westfalen);
  • Auf Antrag und gegen Verwendungsnachweis: finanzielle Unterstützung von Gemeindeprojekten;
  • Veröffentlichung der Gemeinden und ihrer Gottesdienstorte und -zeiten im Internet über die Seiten der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche von Westfalen;
  • Hilfe bei administrativen und praktischen Problemen und bei der Raumsuche;
  • Möglichkeit zur gastweisen Berufung in Fachausschüsse der deutschen Kirchengemeinden und Kirchenkreise der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Foto: Die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft arbeiten im Internationalen Kirchenkonvent zusammen.

Markus Schaefer

Markus Schaefer

geb. 1966, ist Landespfarrer für die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in der Evangelischen Kirche im Rheinland und in der Evangelischen Kirche von Westfalen und Mitglied der Steuerungsgruppe zur Interkulturellen Öffnung in der EKiR.
Markus Schaefer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.