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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in Studierendengemeinden | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in Studierendengemeinden: Spirituelle Heimat auf Zeit

Interkulturelle Öffnung in Studierendengemeinden:  Spirituelle Heimat auf Zeit

Die Evangelischen Studierendengemeinden im Rheinland ESG’en haben in den vergangenen Jahrzehnten einen starken inhaltlichen wie strukturellen Wandel vollzogen. Gab es im Rheinland Vorläufer der Studierendengemeinden bereits in der Zeit der Weimarer Republik, kam es seit den Fünfzigerjahren zur Gründung von Studierendengemeinden, die an den Universitäten und neu gegründeten Fachhochschulen meist Bibelstunden, Andachten und Freizeitveranstaltungen anboten.

Seit Mitte der Sechzigerjahre hingegen verstanden sich die ESG’en als Sprachrohr der protestierenden Jugendbewegung. Dies hatte inhaltliche Konsequenzen für die Arbeit in den Studierendengemeinden: Wirtschaftliche Sachzwänge wie vermeintlich undemokratische Strukturen wurden nun ebenso heftig kritisiert wie eine nur halbherzig betriebene Auseinandersetzung mit den politischen Verstrickungen von Kirche und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Zugleich weitete sich der Blick auf andere Kulturen und Religionen, das sozialpolitische Engagement wurde dezidiert als Ausdrucksform diakonischen Handelns verstanden.

Seit dieser Zeit hat sich vieles geändert, nicht nur in den ESG’en. Die Einführung der neuen Studienreformen und die von den Universitäten und Fachhochschulen forcierte Internationalität der Studentinnen und Studenten haben den Studienalltag radikal geändert. Der Anteil ausländischer Studentinnen und Studenten, häufig aus außereuropäischen Ländern, hat sich deutlich erhöht. 30-Stunden-Wochenpläne, dazu die Vor-und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen sowie ein zum Leben notwendiger Nebenjob – das Leben an den Hochschulen veränderte sich in den letzten Jahren für die Studierenden, gleich welcher Nationalität, auf dramatische Weise.

Diese Situation stellt die Studierendengemeinden tagtäglich vor große Herausforderungen: Sie wissen um ihre beiden Traditionsstränge und vertreten selbstbewusst als Repräsentantinnen der Evangelischen Kirche im Rheinland an den Hochschulen ihre kirchlichen, diakonischen, bildungs-, aber auch sozialpolitischen Ansprüche. Um es auf den Punkt zu bringen – die Studierendengemeinden sind der entscheidende Ort an den Hochschulen, an dem die Evangelische Kirche im Rheinland Menschen begegnet. Diese Menschen an den Hochschulen stammen mittlerweile aus vielen verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Kulturen. Und darauf haben sich die ESG’en konzeptionell erfolgreich eingestellt, indem sie zugleich ein im Hochschulleben beachteter Ort interkultureller und ökumenischer Begegnung und Erfahrung geworden sind.

Weltweite Ökumene ist Bereicherung
Diese Interkulturelle Öffnung resultiert also aus der zunehmenden Internationalisierung der Hochschulen und ihrer multikulturellen Zusammensetzung der Hochschulangehörigen. Interkulturalität, Ökumene und interreligiöser Dialog sind heute mittlerweile zu einem entscheidenden Kennzeichen evangelischer Studierendengemeinden geworden. In Alltagsbegegnungen, Seminaren und Gesprächskreisen findet ein reflektierender Austausch zur Interkulturellen Öffnung statt. Besonders intensive Erfahrungen des interkulturellen Zusammenlebens werden in den evangelischen Wohnheimen ermöglicht. Studierende verschiedener Länder, Kulturen und Religionen leben, arbeiten und studieren gemeinsam unter einem Dach, fühlen sich für „ihr“ Wohnheim verantwortlich und beteiligen sich auch inhaltlich an den Veranstaltungsangeboten der Studierendengemeinden. In den STUBE-Seminaren stehen entwicklungspolitische Angebote im Vordergrund. Einen hohen Stellenwert hat auch die Beratungsarbeit ausländischer Studierender: In den ESG’en erfahren zahlreiche Menschen diakonische Unterstützung. Durch ihre Programme – der Notfonds für ausländische Studierende, aber auch der Nothilfefonds für deutsche Studierende und das Eintreten für bezahlbaren Wohnraum – helfen sie Studierenden in schweren Notlagen, die zugleich für die jungen Menschen auch immer seelsorgerliche Krisen sind.

Diese Angebote der rheinischen ESG’en tragen also entscheidend dazu bei, dass Hochschulangehörige die weltweite Ökumene und Interkulturelle Öffnung als Bereicherung wahrnehmen. Durch diese gemeinsame ökumenische und interkulturelle Erfahrung wird zugleich die Verantwortung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung übernommen.

ESG’en sind besondere Orte
Deutlich ist: Eine Interkulturelle Öffnung eröffnet neue Chancen des Gesprächs. Denn das interkulturelle Leben der ESG’en wird durch viele Faktoren geprägt. Als Ort, an dem die Bibel zur Sprache kommt, religiöse Bildung ermöglicht wird, Studierende seelsorglich begleitet werden, aber auch Spiritualität entdeckt und gelebt wird, haben es die Studierendengemeinden doch stets mit Menschen zu tun, die aufgrund ihrer Reflexionsfähigkeit ihr Leben in größere Zusammenhänge stellen, gleich, aus welcher Kultur und Religion sie stammen.

Viele von ihnen suchen nach einer „spirituellen Heimat“ auf Zeit und nach Möglichkeiten, sich mit den ethischen und persönlichen Implikationen ihres eingeschlagenen Weges auseinanderzusetzen. Fragen der Interkulturalität und des interreligiösen Dialoges nehmen in den ESG’en ganz konsequent eine zentrale Bedeutung ein. Sie leisten daher mit ihren Angeboten einen wichtigen Beitrag – nicht zuletzt zur Persönlichkeitsbildung der Studierenden. Und sind an ihren jeweiligen Standorten zu wichtigen Ansprechpartnerinnen für Hochschulangehörige in religiösen und interkulturellen Fragen geworden.

Foto: Beim „Tag der religiös-kulturellen Vielfalt“ in Essen gab es u.a. einen Campusspaziergang mit dem „Engel der Kulturen“.

Prof. Dr. Andreas Mühling

Prof. Dr. Andreas Mühling

geb. 1961, ist Studierendenpfarrer der Evangelischen Studierendengemeinde Trier und leitet das Ökumenische Institut für interreligiösen Dialog an der Universität Trier. Als Hochschullehrer vertritt er an der Trierer Universität im Fachbereich Geschichte die evangelische Kirchengeschichte.
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