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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Diakonie | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in stadtteilbezogener Diakonie: Die Sprache des Gegenübers sprechen – Klischees entziffern

Interkulturelle Öffnung in stadtteilbezogener Diakonie:  Die Sprache des Gegenübers sprechen – Klischees entziffern

Die Diakonie Düsseldorf erhielt zu Beginn der Achtzigerjahre vom Jugendamt der Landeshauptstadt den Auftrag, ausländischen Schülerinnen und Schülern einer Grund- und Hauptschule im Stadtteil Flingern-Süd Unterstützung in ihrer schulischen und persönlichen Entwicklung zu geben. Der Stadtteilladen Flingern wurde 1982 gegründet. Das Quartier galt schon damals als sozial belastet aufgrund hoher Arbeitslosigkeit, Armut und einem hohen Ausländeranteil von 30 Prozent. Die Kinder der zugewanderten Familien zeigten sprachliche Verständigungsprobleme und Auffälligkeiten in der Schule.

In den frühen Achtzigerjahren wurde weitgehend unreflektiert von „Ausländern“ gesprochen, unabhängig von Geburtsort oder Staatsangehörigkeit. Erst allmählich setzten sich Begriffe wie Migrant/Migrantin, Person mit Migrationsgeschichte oder -hintergrund, Zuwanderer oder Person nicht deutscher Herkunft durch. Auf die Problematik, dass auch mit diesen Begrifflichkeiten ein Anderssein konstruiert, zugeschrieben und zementiert wird, kann im Rahmen des Schwerpunktes dieses Artikels nicht weiter eingegangen werden.

Die interkulturelle Schwerpunktsetzung des Stadtteilladens Flingern erfolgte – wie vielfach in der Sozialarbeit und pädagogischen Arbeit dieser Jahre – aus einer schlichten Notwendigkeit heraus. Um Kindern und Jugendlichen tatsächlich hilfreich zur Seite stehen zu können, war es unumgänglich, mit den Eltern in Kontakt zu kommen, damit sie gemeinsam mit Jugendhilfe und Schule Verantwortung für die Erziehung und Begleitung ihrer Kinder wahrnehmen konnten. Meist war jedoch die sprachliche Verständigung äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich, da viele der so genannten ersten Generation von Zuwanderern nicht nur als „Gastarbeiter“ angesehen wurden, sondern selbst tatsächlich den Aufenthalt in Deutschland als vorübergehend betrachteten und insofern keine Dringlichkeit darin sahen, Deutsch zu lernen. Zudem waren die angebotenen Kurse nicht sehr zahlreich und meist aus Sicht der potenziell Lernenden zu teuer. So blieb oft zunächst nichts anderes übrig, als im Beratungsgespräch mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern zu arbeiten. Aus heutiger Sicht waren sie frühe Sprach- und Kulturmittlerinnen und -mittler. Sie erklärten Erziehungsvorstellungen, Traditionen und kulturbedingte Besonderheiten zu beiden Seiten hin.

Es geht nicht nur um Sprache
Schon sehr früh unternahmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtteilladens Flingern erste Versuche, Türkisch oder Arabisch zu lernen. Zwar wurde dies sehr erfreut von Schülern, Eltern und Ratsuchenden mit Migrationshintergrund wahrgenommen und als besonderes Interesse und vertrauensbildend gewertet, doch reichte es nicht für eine Beratungsqualität, die erforderlich gewesen wäre. Der Umstand, mit wechselnden Honorarkräften oder Ehrenamtlichen aus der jeweiligen Community arbeiten zu müssen, war zwar durchaus im oben beschriebenen Sinne bereichernd, zugleich aber auch aus mehreren Gründen unbefriedigend. Auch wenn die meisten freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft über einen langen Zeitraum zur Verfügung standen, war doch eine Beziehungskontinuität und Verlässlichkeit nicht garantiert. Zudem wünschten sich viele von ihnen in Wirklichkeit eine feste Anstellung und waren nicht freiwillig freie Mitarbeiter. Dieses Wissen und das Gefühl, eine besondere Zwangslage – dass jemand trotz guter Qualifikation keine Anstellung fand – auszunutzen, verstärkte sich spätestens mit der Teilnahme an Fortbildungen zu interkultureller Kompetenz, der sich alle im Team des Stadtteilladens unterzogen.

Die Erkenntnis, dass die Sprache des Gegenübers zu sprechen mehr bedeutet als Türkisch, Arabisch oder Tamazight zu beherrschen, nämlich seine Vorstellungen über Religion, Kunst und Erziehung zu verstehen, seine Klischees entziffern zu können, und dass die Deutung eines kulturellen Kontextes – ohne dabei in die Falle des Kulturalismus zu tappen – einen ständigen Kommunikationsprozess, eine ständige Rückversicherung und ein Betrachten aus mehreren Perspektiven erfordert, setzte sich zunehmend durch.

Als der Stadtteilladen Flingern Ende der Neunzigerahre ein dreijähriges Antidiskriminierungsprojekt durchführte (das Projekt wurde von 1997 bis 2000 durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales gefördert), konnte die erste muslimische Mitarbeiterin mit türkisch-deutschen Wurzeln dank einer Ausnahmegenehmigung als Beraterin in Diskriminierungsfällen eingestellt werden.

Begegnungen bauen Brücken
Seit sechs Jahren arbeitet eine Sozialarbeiterin marokkanischer Herkunft mit 0,5 VB im Stadtteilladen Flingern (bei insgesamt 2,25 VB), seit einem Jahr in unbefristeter Anstellung. Der Anteil von Ratsuchenden marokkanischer oder arabisch geprägter Herkunft ist seitdem stetig angewachsen3. Noch immer gehört Flingern-Süd zu den Stadtteilen mit der ärmsten und zugleich jüngsten Bevölkerung der Stadt. Den Ausschlag geben Familien nicht deutscher Herkunft. Sie brauchen jedoch keinerlei Berührungsängste zu haben, wenn sie Beratung, Hilfe oder einfach nur Begegnung suchen und dazu in die Diakonie kommen, die mitten im Stadtteil liegt. Sie haben Vertrauen und kommen mit allen Sorgen des Alltags, gestalten Feste mit und engagieren sich als Stadtteilmütter oder in eigenen Gruppen. Viele empfinden die Diakonie, den Stadtteilladen Flingern, als „ihren“ Laden.

Damit die autochthone Nachbarschaft sich nicht ihrerseits abgehängt fühlen muss, werden immer wieder Anlässe zur Begegnung geschaffen, bei gemeinsamen Singfesten, Sommerfesten oder in interreligiösen Gesprächskreisen. Es gibt gemeinsam gestaltete Gottesdienste, Gebete der Religionen, Workshops und gemeinsames Fastenbrechen.

Schwierig bleibt es, Menschen in langjährigem Leistungsbezug, die vielfach ihre Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung und Gestaltungsmöglichkeit aufgegeben haben, und Migranten in Kontakt zu bringen. Menschen nicht deutscher Herkunft werden als Konkurrenz im Ringen um den geringen Wohlstand, der zur Verteilung ansteht, betrachtet und gemieden. Schnell wird ihnen die Schuld für Vermüllung und Verwahrlosung von Häusern und Straßenzügen zugeschoben. Ein Muster, allzu bekannt, das jedoch keineswegs ignoriert werden darf, will man sozialen Sprengstoff vermeiden. Auch hier können Mitarbeitende mit einer anderen kulturellen Prägung als der deutschen wunderbare Brücken bauen. In kleinen Schritten, bei – so banal, so wahr – Festen, beim Picknick im Freien, in der Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten und Schulen, wo nun alle einmal zusammenkommen, ist vieles möglich. Das gilt besonders für überschaubare Sozialräume.

Foto: Der Stadtteilladen in Düsseldorf-Flingern ist offen für verschiedene Generationen und Aktivitäten.

Christel Powileit

Christel Powileit

geb. 1953, Studium Germanistik, Philosophie, Erziehungswissenschaften, Lehramt am Gymnasium für die Fächer Deutsch und Philosophie, Systemische Beraterin, seit 1992 Leiterin des "Stadtteilladens Flingern".
Christel Powileit

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