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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in Gesprächskreisen | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in Gesprächskreisen: Macht Euch (nicht nur) ein Bild!

Interkulturelle Öffnung in Gesprächskreisen:  Macht Euch (nicht nur) ein Bild!

Eine erste Annäherung zum Thema „Interkulturelle Öffnung“ und zur Wahrnehmung anderer Kulturen im Presbyterium, in einem Gemeindekreis, einer Konfigruppe oder einem Mitarbeitendenteam kann die Spielszene „Besuch aus der Südsee“ sein. In der Literatur und im Internet gibt es verschiedene Versionen dieser Übung, sie kann je nach Personenzahl und schauspielerischem Talent der Beteiligten auch variiert werden.

Zwei Freiwillige, eine Frau und ein Mann, werden vorher eingewiesen und über den Hintergrund informiert und tragen dann die folgende stumme Szene vor. Die Gruppe schaut im Kreis zu und wird gebeten, die Szene genau zu beobachten und anschließend zu schildern.

Macht Euch (nicht nur) ein Bild
Eine Frau folgt beim Hereinkommen auf etwa zwei Schritten einem Mann und trägt dabei eine Schale mit Erdnüssen. Der Mann nimmt auf einem im Raum stehenden Stuhl Platz. Die Frau setzt sich zu seinen Füßen auf den Boden und stellt die Schale ab. Die Frau verneigt sich und nimmt dann die Schale mit den Erdnüssen auf und reicht sie dem Mann. Der Mann blickt die Frau nicht an, nimmt sich eine Handvoll Erdnüsse und isst sie. Die Frau stellt sie wieder auf den Boden und nimmt erst dann von den Erdnüssen, wenn der Mann aufgegessen hat. Damit endet die Szene, die Schauspieler kehren ohne Kommentare in den Stuhlkreis zurück.

Nach der nun folgenden Schilderung durch die Gruppe ergibt sich erfahrungsgemäß folgendes Bild: Der Mann sei der Frau übergeordnet: Er gehe voraus, dürfe auf dem Stuhl sitzen, werde von der Frau bedient, die erst essen dürfe, wenn der Mann aufgegessen habe. Die Frau sei also in jeder Hinsicht unterdrückt.

Wenn gewünscht, können die Beobachtungen und Deutungen auch stichwortartig auf einer Tafel oder einem Flipchart festgehalten werden.

Erst jetzt erläutert die Moderatorin/der Moderator den kulturellen Hintergrund, wie er tatsächlich in manchen Gegenden der Welt, etwa in der Südsee, gültig ist: Die Frau ist dort die übergeordnete, privilegierte Person! Der Mann muss ihr den Weg bahnen und sie vor Gefahren, etwa Schlangen, schützen. Nur die Frau hat direkten Kontakt zur Erde, aus der die Menschen Kraft und Sicherheit beziehen. Das Sitzen auf einem Stuhl signalisiert keine gesellschaftliche Höherstellung, sondern im Gegenteil die Distanz zu den lebensspendenden Kräften der Erde. Die Frau erst stellt den spirituellen Kontakt zu den Naturkräften her. Dem entsprechend ist sie die Empfängerin von Früchten und Speisen. Nur durch ihre Vermittlung erhält der Mann das Essen, dessen Qualität er gleichsam als Vorkoster prüfen muss, bevor die Frau isst. Der Mann darf keinen direkten Blickkontakt mit der Frau suchen, sie darf ihn dagegen direkt ansehen.

Anschließend wird eventuell anhand der Aufzeichnungen an dem Flipchart/der Tafel über diese kulturell interne Deutung diskutiert. Nicht selten beharren Teilnehmende auf ihrer europäischen Interpretation als der einzig „richtigen“. Sie ist aber in Wahrheit durch spezifische Rollenerwartungen und kulturelle Übungen in Deutschland geprägt.

Das Anspiel hat folgende Vorteile:

  • Es setzt bei dem Moment der Befremdung an und ruft unwillkürlich kulturelle Voreinstellungen ab.
  • Zeitbedarf und Aufwand sind gering.
  • Es zeigt, dass „Kultur“ weit mehr ist als Literatur und Bildung, und aus kleinen, alltäglichen Gesten, Verhaltensweisen und Rollenzuweisungen besteht.
  • Es zeigt, wie sehr kulturelle Übereinkommen und Werte mit religiösen und weltanschaulichen Faktoren verschränkt sind.
  • Es zeigt, wie sehr Menschen, die nach Deutschland kommen, mit für sie unbekannten Konventionen konfrontiert werden und wie rasch sie „in Fallen tappen“, wie sehr aber auch Deutsche zu kulturellen Fehlinterpretationen von Migranten neigen.

Am letzten Gedanken anknüpfend kann die Diskussion dadurch weitergeführt werden, dass man gezielt nach Situationen fragt, in denen Missverständnisse wie die verschiedenen Interpretationen der Szene bei uns in Deutschland im Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen Kulturen auftreten.

Schließlich kann der Gesprächsleiter/die Gesprächsleiterin abschließend ins Gespräch einbringen, welche Wahrnehmung und welche Fragen hilfreich sein könnten, um solche Missverständnisse zu identifizieren und ihnen kreativ und großzügig zu begegnen.

Markus Schaefer

Markus Schaefer

geb. 1966, ist Landespfarrer für die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in der Evangelischen Kirche im Rheinland und in der Evangelischen Kirche von Westfalen und Mitglied der Steuerungsgruppe zur Interkulturellen Öffnung in der EKiR.
Markus Schaefer

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