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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Seelsorge in Justizvollzugsanstalten | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Seelsorge in Justizvollzugsanstalten: Kirche ist ein Frei-o – eine Brücke von drinnen nach draußen

Interkulturelle Öffnung in der Seelsorge in Justizvollzugsanstalten:  Kirche ist ein Frei-o – eine Brücke von drinnen nach draußen

Ein „Frei-o“ ist der Ort beim Fangenspielen, an dem man nicht abgeschlagen werden kann. Als wir vor vielen Jahren ein Konzept unserer Gottesdienste im Gefängnis in Köln erarbeiteten, bekam es diese Überschrift. Denn im Gefängnis, in der Enge der Zelle, in der Zwangsgemeinschaft hinter Gittern, im Hafthaus, aus dem alle so schnell wie möglich wieder weg wollen, ist ein Sakralraum mit regelmäßigem Gottesdienst für alle, die teilnehmen möchten, tatsächlich ein besonderer Ort. Hier wird Gott verkündigt, der jedem Menschen Würde und Wert zuspricht. Im Gottesdienst können sich Frauen und Männer der Liebe Gottes vergewissern. Hier hören wir von der Vergebung der Sünden und der Chance des Neubeginns. Das Evangelium verheißt uns Befreiung.

Unsere evangelischen und katholischen Gottesdienste in der JVA Köln sind offen für alle Menschen, unabhängig von ihrer jeweiligen Konfession oder Religion. Eine Gottesdienstvorbereitungsgruppe bereitet die Gottesdienste vor, zu der die Seelsorgenden und Gefangenen unterschiedlichen Glaubens und Herkunft gehören. Jedem Gottesdienst geht ein intensiver Diskussionsprozess voraus. In der Kirchengruppe wird ein Thema festgelegt, eine Szene inszeniert und gespielt oder es werden eigene Texte verfasst. Im Gottesdienst lesen wir den Bibeltext in verschiedenen Muttersprachen. Deutsche, türkische, englische, russische Bibeln und Bibeln in vielen anderen Sprachen liegen auf dem Altar dafür bereit.

Immer wieder sind auch Atheisten oder Muslime in der Kirchengruppe mit dabei. Teilnahmevoraussetzung ist, dass sie sich am Nachdenken über biblische Texte und Themen aktiv beteiligen und dass sie im Gottesdienst aktiv mitwirken. Menschen, die „draußen“ aktive Gemeindeglieder waren, sind die Ausnahme. Gemeinsam entstehen Gottesdienste, die die Wirklichkeit der bunt zusammengesetzten Gottesdienstgemeinde im Gefängnis gut aufnehmen und glaubwürdig von Glaube, Liebe und Hoffnung sprechen.

Interreligiöse Kompetenz ist gefragt
Eine muslimische Gefängnisseelsorge – wie sie z.B. in den Niederlanden oder in Großbritannien als Teil einer „Multifaith Prison Chaplaincy“ schon lange institutionalisiert ist und finanziert wird – gibt es in Deutschland bislang nur ehrenamtlich. Wie im Bereich Schule wird sich gewiss auch im Gefängnis in Zukunft mit den Absolventen der islamischen Fakultäten etwas bewegen. Die Gefängnisneubauten haben schon jetzt muslimische Gebetsräume mit Waschgelegenheiten. Aktuell finden Freitagsgebet und religiöse Unterweisung an meinem Arbeitsort in respektvoller Absprache in der Kirche statt.

Die große Kirche, die im Zentrum der aktuellen Kölner Haftanstalt liegt und mit einem Kreuzgang und Kirchgarten ausgestattet ist, wurde von evangelischer wie katholischer Kirche eingerichtet. Sie wird gemeinsam genutzt. Waren Kirchen in Gefängnissen von alters her als Orte der Umkehr und der Befreiung vorgesehen und somit auch Geistliche als Personal erwünscht, ist das im 21. Jahrhundert nicht mehr selbstverständlich. Bei Gesprächen um die aktuellen Baukonzepte von Gefängnissen wirbt die Gefängnisseelsorge für eigenständige Kirchen, die sowohl als Orte der Stille und des Gebets als auch als Gottesdienstraum von unschätzbarem Wert sind. „In der Regel lädt die Gefängnisseelsorge alle Gefangenen zu Gottesdiensten und anderen religiösen Veranstaltungen ein und bietet allen Gefangenen seelsorgliche Begleitung an.“

Im Einzelgespräch ist die seelsorgliche Verschwiegenheit und das unverbrüchliche Beichtgeheimnis in der totalen Institution Gefängnis von besonderem Wert und ein gesetzlich geschütztes Gut. Auch bei diakonischer Unterstützung oder Angeboten für Angehörige von Gefangenen ist die Konfessionszugehörigkeit kein Zugangskriterium.

Die Leitlinien der Gefängnisseelsorge beschreiben die interreligiöse und interkulturelle Kompetenz, die im Gefängnis geboten ist: „Im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Nationalität und Sprache, (sub-)kultureller Prägung und Religionszugehörigkeit benötigen Seelsorgerinnen und Seelsorger Kenntnisse über kulturelle Zugehörigkeit, über Wert- und Moralvorstellungen, über die religiöse Beheimatung mit ihrer Tradition und ihren Ritualen und über die spezifische religiöse Haltung und Ausdrucksform eines Menschen anderer Herkunft. Insbesondere sind Kenntnisse über den Islam notwendig. Seelsorgerinnen und Seelsorger brauchen die Bereitschaft, das Fremde und Andere wahrzunehmen und zu achten. Dazu benötigen sie die Fähigkeit, ohne Identitätsverlust bzw. Identitätsverwirrung über erhebliche kulturelle, soziale und religiöse Grenzen hinweg Kontakt und Verständigung herstellen zu können.“

Gefängnisseelsorge bildet eine Brücke zwischen „drinnen“ und „draußen“. Wertvoll sind Vernetzungen mit Gemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirche. Kontakte zur Diakonie und zu anderen Trägern der Straffälligenhilfe sowie zu kirchlichen Beratungsstellen werden auch von Sozialdienst und Psychologen als Kooperationspartner genutzt. Ehrenamtliche verschiedenster theologischer Richtungen – viele sind evangelikal geprägt – haben die Gefängnisseelsorge als Kontaktperson. Die Anstaltsleitung kann von der Seelsorge Beratung und Information erwarten, wenn Vertreter von Religionsgemeinschaften um Zutritt bitten oder Gefangene mit speziellen religiösen Anliegen (z.B. koscheres Essen) anfragen. In der Gemeinschaft aller, die im Gefängnis arbeiten, sind die Seelsorgenden in ihrer Funktion als Seelsorgerin und Seelsorger ansprechbar und gleichzeitig kooperieren sie mit den unterschiedlichen Diensten. Seelsorge ist zwar Teil des Systems, letztendlich ist aber die Kirche die Dienstgeberin und bestimmt so das Verhältnis, auch als ein kritisches Gegenüber. Evangelische Seelsorge im interkulturellen Ort Gefängnis verkündigt die Freiheit, zu der uns Christus befreit. Sie macht das Angebot, in der Kirche einen Ort zu finden, wo Menschen willkommen sind. Kirche ist ein Frei-o.

Foto: Der Großteil der inhaftierten Jugendlichen und Heranwachsenden hat einen Migrationshintergrund, deshalb liegen auf dem Altar in der Gefängniskirche der Justizvollzugsanstalt Köln Bibeln in vielen Muttersprachen. Foto: epd / Guido Schiefer

Claudia Malzahn

Claudia Malzahn

geb. 1963, arbeitet seit 1991 als Seelsorgerin in der JVA Köln, dem größten Gefängnis von NRW mit mehr als tausend Haftplätzen. Männer, Frauen und jugendliche Frauen sind hier untergebracht in Untersuchungshaft, Strafhaft, Hochsicherheit und offenem Vollzug. Seit 2012 ist sie Rheinische Sprecherin der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in NRW.
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