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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Kita | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Kita. Meine Religion – Deine Religion: Begegnungen ermöglichen achtsames Miteinander

Interkulturelle Öffnung in der Kita. Meine Religion – Deine Religion:  Begegnungen ermöglichen achtsames Miteinander

In den meisten Kindertagesstätten gehen Kinder und Eltern aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Religionen ein und aus. Erzieherinnen und Erzieher sammeln Erfahrungen im Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt, entwickeln konzeptionelle Ideen, treffen Entscheidungen, werden von ihren Trägervertretern dabei begleitet oder im Stich gelassen. Die interkulturelle Vielfalt könnte noch viel mehr für die Gemeinden eine Chance sein, ihren Horizont zu erweitern und über den Tellerrand kirchlicher Binnenkultur hinauszublicken.

Im Miteinander achtsam die Vielfalt leben
Waren in den zurückliegenden Jahrzehnten Konzepte der Integration leitend, so ist heute an deren Stelle das der Inklusion getreten. Integration bedeutet Eingliederung des vielfältig anderen und Neuen in das Bestehende. Verändern mussten sich dabei nur die Hinzugekommenen. Inklusion meint dagegen, das Zusammenleben in der Kita von vornherein als Gemeinschaft der Verschiedenen zu denken und zu leben. Alle haben sich aufeinander einzustellen, voneinander zu lernen: die Mädchen und Jungen, die Eltern und die Teammitglieder, die Träger.

Eine Willkommenskultur soll dazu beitragen, dass sich alle mit ihren unterschiedlichen kulturellen und religiösen Biografien in der Kita gut aufgehoben fühlen: mit mehrsprachigen Informationen für die Eltern, Spielsachen, Kleiderkiste, Kinderbücher, Musik etc., in denen sich die Vielfalt spiegelt. Besonders in der Krippe ist es wichtig, dass den Kleinsten der Übergang von ihrer Familienwelt in die der Kita erleichtert wird: mit dem vertrauten Klang ihres Namens, mit gewohnten Koseworten, Reimen und Fingerspielen in der Muttersprache. Erziehende mit eigenem Migrationshintergrund können sich dabei als unentbehrlich erweisen.

Vielfalt braucht auch Verbindliches für alle: die zu fördernde Verständigung in der deutschen Sprache, Orientierung an Regeln des Miteinanders, die für alle bindend sind – so wie sie von der UN-Kinderkonvention über die in allen Bundesländern entstandenen Bildungspläne für den Elementarbereich bis zu den Konzeptionen der je einzelnen Einrichtung festgelegt sind. Da kann es auch mal zu Konflikten kommen, wenn der „Pascha“ lernen muss, dass Aufräumen nicht nur Aufgabe der Mädchen ist; dass eine Geburtstagsfeier im Sinne einer Förderung des Selbstwertgefühls jedes Kindes unverzichtbar im pädagogischen Konzept der Einrichtung verankert ist – auch wenn das in anderen Kulturen und religiösen Traditionen nicht vorgesehen ist. Religiös begründete Speisegebote müssen nicht zu vereinheitlichenden Ge- und Verboten für alle führen, mit unterschiedlicher Geltung kann die Verantwortung jedes Einzelnen für seinen Umgang mit der Nahrung gefördert und gestärkt werden.

Für die immer wieder neu auszutarierende Balance zwischen Elementen der Willkommenskultur mit Rücksichtnahme auf unterschiedliche Familientraditionen und dem orientierenden Rahmen für alle ist viel Sensibilität im Wahrnehmen und Verstehen der Erscheinungsweisen kultureller Vielfalt in der Kita gefordert. Dazu könnten Mitarbeitende aus anderen Kulturen und Religionen viel beitragen: indem sie als Ansprechpartner für Eltern, als Mittler in Konfliktsituationen, als Impulsgeber für das Team an der Willkommenskultur genauso wie an der Klarheit und Transparenz des gleichermaßen für alle Verbindlichen arbeiten.

Umgang mit religiöser Vielfalt braucht klare Konzepte
Kulturelle und religiöse Traditionen sind eng miteinander verflochten. Religiöse Bindungen mit ihren Lebensregeln verlangen sorgfältige Beachtung. So gilt es auch, die vertraute christliche Religionspädagogik angesichts der gegebenen religiösen Vielfalt mit dem Inklusionsgebot konzeptionell neu zu bestimmen. Diese Vielfalt in der Kita spiegelt die gesellschaftliche religiöse Pluralität: Viele Eltern aus traditionell christlichen Familien fühlen sich mit der religiösen Erziehung überfordert und vertrauen diese gerne der Kita an. Andere stellen es ihren Kindern frei, eigene religiöse Wurzeln zu finden oder auch nicht. Manche lehnen religiöse Bildung dezidiert ab. Eltern aus anderen Religionen vertrauen ihr Kind der evangelischen Kita an und wünschen, dass es der eigenen Religion nicht entfremdet wird. Die einen möchten ihr Kind vor christlicher Beeinflussung schützen, andere haben bei dessen Teilnahme an christlichen Traditionen keine Bedenken. Wie ist mit dieser Vielfalt umzugehen?

Dem Integrationskonzept bleibt die Trägerforderung verhaftet, mit dem Thematisieren anderer religiöser Traditionen so lange zu warten, bis die christlichen Kinder in der Einrichtung in den christlichen Traditionen gut verwurzelt sind, um Verwirrung zu vermeiden. Das ignoriert aber die gegebene religiöse Vielfalt als Bildungsaufgabe und -chance. Auch das Ausklammern aller religiösen Differenzen oder die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner wird gegebener Vielfalt nicht gerecht, sondern macht sie unsichtbar. Wie kann dann mit religiöser Pluralität so umgegangen werden, dass sie niemanden in seinen eigenen religiösen Bindungen behindert, verunsichert oder gar verletzt?

Ein Konzept zielt auf einfühlsames Wahrnehmen unterschiedlicher Religiosität. Bei ihm bleibt es aber in der Distanz des Schauens auf unterschiedliche religiöse Phänomene. Das macht religiöse Vielfalt durchaus sichtbar. Es tut nicht christlichen Familien gut, wenn ihre religiösen Fest- und Gedenktage wahrgenommen werden. Aber religiöse Praxis wie z.B. gemeinsames Beten und Feiern ist hier nicht vorgesehen, um das Recht auf Religionsfreiheit nicht zu verletzen bzw. dabei entstehende Konflikte zu vermeiden. Dieser Verzicht klammert jedoch gerade das aus, was Religion ausmacht, nämlich das Leben in einer persönlichen Beziehung zu und mit ihr. Um solche Erfahrungen muss es auch in der interreligiösen Religionspädagogik gehen.

Weiter führt nur gemeinsames Erleben und Reflektieren gelebter Religiosität in verschiedenen Rollen, die Ausdruck unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit sind. Die eine ist die von den Eltern akzeptierte oder auch gewollte Beteiligung an dem, was auch das Eigene werden könnte oder soll. Die andere ist die einer distanzierteren Begegnung mit dem anderen und Fremden, die gerade nicht dazu auffordert, zum Eigenen zu werden. Dazwischen gibt es mancherlei Spielräume des Kennenlernens, Erfahrens und Erprobens. Solche anzubahnende Rollensicherheit ermöglicht es, im gemeinsamen Miteinander sowohl das Überzeugende einer persönlichen Bindung an eine bestimmte Religion als auch den Schutz vor manipulierender Vereinnahmung zu erleben und zu praktizieren. Kinder in solchen unterschiedlichen Rollen zu begleiten, ist damit die zentrale pädagogische Aufgabe.

Alle Kitas sind dazu aufgerufen, mit Einladungen und Besuchen Begegnungen mit unterschiedlich gelebter Religiosität zu ermöglichen, die Jungen und Mädchen in ihren verschiedenen Rollen miterleben und mitgestalten können. In einer evangelischen Einrichtung ist es zugleich deren Aufgabe, mit den gegebenen Möglichkeiten, die sich aus der Einbindung in die Gemeinde ergeben, in exemplarischer Weise gelebte christliche Religiosität in Erzählungen und Gesprächen, im Singen und Beten, im Feiern des Festkreises erfahrbar zu machen – unter sorgfältigem Achten auf die Differenzierung „Meine Religion – deine Religion“, die das achtsame Miteinander ermöglicht.

In solchem Sinne lädt die evangelische Kita alle dazu ein, einen dialogfähigen christlichen Glauben mitzuerleben, der auf persönlicher Überzeugung und Position gründet. Sie pflegt eine Kultur der Begegnung auch mit Repräsentanten anderer Religionen und gibt so den ihnen zugehörigen Kindern die Chance, auch die Rolle der Beteiligung am Eigenen zu erproben. Das hilft allen, in Nähe und Distanz, in der Vergewisserung der eigenen Traditionen wie in der Suche nach der persönlichen religiösen Bindung, weiterzukommen. Menschen mit Vorurteilen allem Religiösen gegenüber sollen einen sensiblen Umgang mit religiöser Vielfalt in der Gleichzeitigkeit von Position im Eigenen und Offenheit für anderes kennenlernen können. Ziel ist es, dass alle, Kinder und Erwachsene, durch Begegnung mit Vertrautem wie mit Neuem und anderem in der eigenen religiösen Biografie in Bewegung bleiben.

Literaturempfehlung
Frieder Harz: Interreligiöse Erziehung und Bildung in den Kitas, Göttingen 2014

Foto: Theaterprobe in der evangelischen Kindertagesstätte Vogelnest in Essen. In der Kita werden Advent und Weihnachten ebenso gefeiert wie das Zuckerfest zum Ende des Ramadan. Foto epd

Dr. Frieder Harz

Dr. Frieder Harz

geb. 1943, Pfarrer, bis 2009 Professor für Religionspädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg. Seit vielen Jahren in der Fortbildung und mit Veröffentlichungen zu Fragen der religiösen Erziehung und Bildung in den ersten Lebensjahren engagiert. Mitwirkung beim Rheinischen Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder, Hoffnung Leben. Evangelische Anstöße zur Qualitätsentwicklung (2013).
Dr. Frieder Harz

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