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Geschrieben von am 11.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Kirche | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Kirche: Anders sein und wachsen dürfen

Interkulturelle Öffnung in der Kirche: Anders sein und wachsen dürfen

Bonhoeffers Formulierung erinnert an eine christliche Selbstverständlichkeit: Kirche in der Nachfolge Jesu Christi stellt sich der tätigen Nächstenliebe, ja auch der Feindesliebe. Es ist eines ihrer Wesensmerkmale. Wenn sie stattdessen nur bei sich selbst bliebe, würde sie das Evangelium verraten.

Die Rede von „Kirche mit anderen“ zieht nur eine eigentlich weitere selbstverständliche Konsequenz daraus: Wenn andere als Gottes Geschöpfe wie Schwestern und Brüder behandelt werden, dann geht das nicht von oben herab. Gutes Helfen braucht und will die Mitarbeit des Gegenübers, wenn es möglichst nachhaltig und erfolgreich sein soll – als Hilfe zur Selbsthilfe etwa. Eine kirchliche Arbeit zum Beispiel für Kinder muss darum eine mit Kindern sein, eine für Menschen anderer Kultur dann auch eine mit ihnen.

Solches Arbeiten mit anderen verändert die Kirche selbst. Wer für Menschen anderer Kulturen arbeitet, wie das in christlichen Kindergärten, Jugendeinrichtungen, Beratungsstellen, Altenheimen usw. der Fall ist, bekommt es erwartbar auch mit anderen religiösen Welten zu tun. Afrikaner zum Beispiel, auch wenn sie Protestanten sind, leben ihren Glauben meist doch sehr anders. Türken sind in der Regel Muslime. Und: Wer für diese Arbeit Menschen sucht, die mit einer anderen Kultur wirklich vertraut sind, braucht Mitarbeitende, die in aller Regel auch eine andere Frömmigkeit und eine andere Religion haben.

Sensibilität für die Kultur ist gefragt
Da setzt dann kirchliche Besorgnis um die eigene Gruppe und ihre Identität ein. Nun arbeitet die Kirche freilich meistens heutzutage mit anderen in einer Organisationsform (zum Beispiel Kindergarten, Beratungsstelle, Notfallseelsorge, diakonische Einrichtung). Bislang setzte man für Mitarbeitende dabei ausnahmslos die formale Anforderungsbedingung „Kirchenmitgliedschaft“. Das war schon immer zu wenig (denn garantiert das wirklich eine personale Frömmigkeit?), und es ist andererseits zu viel (welche landeskirchlichen Mitglieder mit Afrikavertrautheit gibt es denn und erst recht solche, die in der türkischen Kultur auch sprachlich zu Hause sind?).

Bekanntlich gilt ein evangelischer Religionsunterricht nicht erst dann als evangelisch, wenn alle Schülerinnen und Schüler evangelische Kirchenmitglieder sind. So ist auch eine evangelische Organisation nicht nur dann evangelisch, wenn alle Mitarbeitenden Mitglieder einer christlichen Kirche sind. Sondern sie ist evangelisch, wenn Folgendes gegeben ist, was viel tiefer geht als formale Kirchenzugehörigkeit: Die Organisation / der Arbeitsbereich gewinnt auch darin evangelisches Profil, dass Sensibilität für die Kultur der Menschen, mit denen sie arbeitet, ihr wirklich wichtig ist.

Genauer noch: Das Religiössein in einer Kultur, auch beim miteinander Arbeiten und Feiern, soll hier nicht künstlich abgedrängt werden, wie es so häufig in anderen Organisationen der Fall ist, die lieber „neutral“ bleiben wollen.

Darum braucht es auch Mitarbeitende mit interkultureller und interreligiöser Kompetenz. Gehören solche gesuchten kompetenten Mitarbeitenden einer anderen Kultur und einer anderen Religion an, dann fordert das die Organisation zu Klärungen und Handlungen auf.

Sie muss solchen Mitarbeitenden gegenüber klarstellen, was sie um des kirchlichen Profils willen von ihnen erwartet: Dass diese die dominierende Anwesenheit deutscher Kultur und evangelischer Kirche aushalten, dass sie auch bei religiösen Feierzusammenhängen passiv dabei sind, dass sie sich eventuell auch mit ihrer religiösen Tradition aktiv und konstruktiv einbringen.

Eine evangelische Organisation muss aber genauso sich selbst gegenüber den Mitarbeitenden darin verpflichten, was diese von ihr erwarten. Dass sie diese Mitarbeitenden in Fortbildungen darin unterstützt, das evangelische Christentum in der deutschen Kultur kennenzulernen. Und zwar so, dass es in seiner potenziellen Relevanz für diese Menschen in ihrer anderen Kultur und anderen Religion bei ihrer Berufstätigkeit verständlich wird. Dies so, dass Mitarbeitende dabei weiterhin im Kontext ihrer anderen Kultur und Religion fühlen, denken und wachsen dürfen. Und: Die evangelische Organisation ist bereit, umgekehrt auch von Aspekten aus der anderen Kultur und der anderen Religion zu lernen.

In einer solchen Organisation evangelischer Kirche wird bei denen, mit denen man arbeitet (den „Hilfebedürftigen“ ebenso wie den Mitarbeitenden aus einer anderen Kultur/Religion), dieses ihr Anderssein angenommen. Es wird die Balance von

a) schöpfungsgegebener Gemeinsamkeit,
b) Rahmensetzungen und Ausdrucksgestalten einer bewusst christlichen und kulturell deutsch geprägten Organisation und
c) Mitdabeisein anderer Religion und Kultur gesucht und im täglichen Miteinander gestaltet.

Damit versucht die Kirche, der Praxis Jesu Christi zu folgen – unter geänderten gesellschaftlichen Bedingungen. Der half als Jude der Syrophönizierin, der stellte seinen Zuhörern und Nachfolgerinnen den andersgläubigen Samariter zum Vorbild in echter Nächstenliebe hin; und von Jesus soll ein römischer Hauptmann, als er ihn am Kreuz hängen sah, gesagt haben: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

Foto: Kirche mit anderen sein wird nicht von oben herab funktionieren, sondern bedeutet: Vielfalt und Wachstum zulassen.

Prof. Dr. Eberhard Hauschildt

Prof. Dr. Eberhard Hauschildt

geb.1958, ist Professor für Praktische Theologie, Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Bonn. Er ist mit einer Äthiopierin äthiopisch-orthodoxer Konfession verheiratet. Seit 2007 ist er Mitglied im Ständigen Theologischen Ausschuss der Evangelischen Kirche im Rheinland.
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