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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Jugendarbeit | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Jugendarbeit: Jugendverbände mit Migrationshintergrund – neu im Netzwerk

Interkulturelle Öffnung in der Jugendarbeit:  Jugendverbände mit Migrationshintergrund – neu im Netzwerk

Unter dem Titel „Kinder- und Jugendliche mit Migrationshintergrund – Chance und Bereicherung für die Evangelische Jugend“ hat sich die Evangelische Jugend im Rheinland auf ihrer Delegiertenkonferenz bereits 2007 mit der Frage der Interkulturellen Öffnung des Jugendverbands auseinandergesetzt. Dabei wurden die folgenden Ziele verabschiedet:

  • die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien auf allen Ebenen der Jugendverbandsarbeit und in allen Angebotsbereichen zu ermöglichen;
  • die gesellschaftspolitische Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu fördern, um einen Dialog auf Augenhöhe führen zu können;
  • den Kontakt und die Kooperation mit bestehenden Migrantenjugendverbänden und -selbstorganisationen aufzunehmen und zu etablieren, um Netzwerkstrukturen aufzubauen;
  • interkulturelles Lernen als Querschnittsaufgabe in der Evangelischen Jugend im Rheinland zu etablieren, d.h. in der jugendpolitischen Arbeit, in Angeboten und Fortbildungen, in Konzeptionen, in Personalentwicklung und Leitbild.

Acht Jahre nach diesem Beschluss ist zu reflektieren, wie es um die Interkulturelle Öffnung der Evangelischen Jugendarbeit im Rheinland steht. Zunächst ist festzustellen, dass es sich bei den Zielformulierungen um qualitative und nicht um quantitative Aussagen handelt. Folglich sind die Jugendeinrichtungen nach ihrem Prozess zu befragen, wie sie den Beschluss umsetzen und sich der Interkulturellen Öffnung stellen. Kritisch könnte man Erhebungen anstellen, in welchen Einrichtungen der Beschluss überhaupt angekommen ist, bevor Untersuchungen unternommen werden, wie er umgesetzt wurde.

Offene Türen mit Komm- und Gehstruktur
Das Bewusstsein einer Interkulturellen Öffnung der Einrichtungen ist sehr unterschiedlich weit vorangeschritten, schließlich scheint es bisher keinen Legitimationsdruck zu geben, sich der Herausforderung zu stellen. Diese ergibt sich in der Praxis der Jugendarbeit weniger aus theologischen Überzeugungen, beispielsweise der Gottesebenbildlichkeit oder der Fülle von biblischen Geschichten über Flüchtlinge. Sie folgt auch nicht aus der Frage nach dem guten Leben oder in welcher Gesellschaft man zukünftig leben will. Sie stellt sich oftmals pragmatisch, wenn es in Jugendeinrichtungen niederschwellige Angebote gibt. Offene Türen mit einer zunächst unverbindlichen Komm- und Gehstruktur bieten solche Möglichkeiten und sind in großstädtischen Ballungsgebieten wie Essen oder Köln zu finden. In fest installierten Kinder- und Jugendgruppen, in Mitarbeiterkreisen und Jugendausschüssen sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Familien mit Migrationsgeschichte eher wenig bis sehr selten vertreten. Grob holzschnittartig könnte man sagen, dass hier Jugendliche aus evangelischen, gut situierten, bildungsbürgerlichen Elternhäusern vielfach unter sich bleiben. Die Tür für andere gesellschaftliche Gruppen scheint allenfalls einen Spalt weit offen zu stehen.

Hier ergeben sich die Fragen:

  • Was sind die Hemmnisse, die einem breiten Einlass und einer Durchlässigkeit im Wege stehen?
  • Sind es die Arbeitsbelastungen der Jugendleiterinnen und -leiter, die das Gefühl haben, noch eine weitere Aufgabe zusätzlich aufgeladen zu bekommen?
  • Sind es Befürchtungen, Vertrautes aufzugeben?
  • Fehlt es an Ideen oder an Einsicht, mit nicht christlichen Jugendlichen in Kontakt zu kommen?
  • Fehlt es an eigenen Kompetenzen und an Sensibilität gegenüber Kindern und Jugendlichen mit anderem familiärem Hintergrund und anderer Herkunft?

Nachfolgend werden zwei Schlaglichter um das Bemühen einer Interkulturellen Öffnung vorgestellt. Dies kann lediglich beispielhaft und bruchstückhaft geschehen, im Wissen, dass es Einrichtungen gibt, die sich der Aufgabe mit Engagement widmen. Ein Schlaglicht kommt von der Evangelischen Jugend im Kirchenkreis Essen. Sie war vor dem Hintergrund einer multiethnischen Bevölkerung in der Stadt Essen früh herausgefordert, sich interkulturell zu öffnen. Für 22 offene Kinder- und Jugendeinrichtungen initiierte die Evangelische Jugend Essen Fachtagungen und Arbeitskreise, um sich in diesem Themenfeld zu engagieren. Auch konnten Migrationsorganisationen gewonnen werden, in einer Arbeitsgruppe mitzuwirken. Zwei junge Migrantenselbstorganisationen unterstützte die Evangelische Jugend Essen dabei, ein anerkannter Jugendverband zu werden. Mit der Alevitischen Jugend Essen schloss sie eine Kooperationsvereinbarung, mit dem Ziel, die konkrete Zusammenarbeit wie die jugendpolitische Vertretung abzusichern. Gemeinsame Aktivitäten wie Grillfeste und internationale Begegnungen nach Mersin, Türkei wurden bereits durchgeführt. Eine gemeinsame Berlinreise stand im Herbst 2014 auf dem Programm.

Interreligiöse Projekte und Netzwerkarbeit
Ein zweites Schlaglicht kommt von der Evangelischen Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof. Unter der Maßgabe der Förderung gesellschaftlicher Teilhabe wie des Dialogs auf Augenhöhe führt sie in Zusammenarbeit mit dem Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) Jugendleiterschulungen (Juleica) durch. An den Maßnahmen nehmen Jugendliche des muslimischen Verbands wie Ehrenamtliche aus der Evangelischen Jugend zu gleicher Anzahl teil. Seit 2006 ist die Juleica-Grundschulung Diversity auf landeskirchlicher Ebene als festes Angebot etabliert. Unter den Aspekten Unterschiedlichkeit und Partizipation werden hier nicht nur Basisqualifikationen zur Anleitung von Gruppen vermittelt. Gemäß der Maßgabe, dass Interkulturelle Öffnung keine Einbahnstraße ist, geht es auch um den Austausch über Wertvorstellungen, um Anerkennungspraxen und Erfahrungen gesellschaftlicher Ausschlüsse. Junge Menschen werden dafür sensibilisiert, wie sie ihre Gruppen für Kinder mit unterschiedlichem familiären Hintergrund öffnen und einladend gestalten können.

Im „Interreligiösen Projekt“ bringt die Jugendbildungsstätte die örtliche DITIB-Merkez-Moscheegemeinde mit dem Kirchenkreis Solingen zusammen. Den Auftakt bildet das Seminar „Feste feiern“. Religiöse Feste werden zum Anlass genommen, um Glaubenspraxen und religiöse Gebräuche der jeweils anderen Religion kennenzulernen. Weitere Projektstationen des dreijährigen Programms sind Juleica-Schulungen, eine Kinderferienwoche, ein Theaterprojekt sowie eine gemeinsam durchgeführte Freizeitmaßnahme. Mit dem Ziel, langfristige Kooperationen zu etablieren und Netzwerke aufzubauen, ist eine Fortsetzung der Zusammenarbeit bereits in Planung.

Um Netzwerkarbeit sowie um die Förderung der Selbstorganisation von neuen Jugendverbänden mit Migrationshintergrund zu entwickeln, werden am Hackhauser Hof gemeinsame Vorstandsklausuren von kleineren christlichen Jugendverbänden durchgeführt. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Koptischen, der Vietnamesischen und der Finnischen Jugend wie für den Orthodoxen Jugendbund gibt es zudem einmal im Jahr eine Qualifizierungsmaßnahme zum Thema „Gruppen leiten lernen“. Um dieses als Querschnittsaufgabe in der Evangelischen Jugend zu etablieren, finden Ehrenamtliche aus Ortsgemeinden unter dem Titel „Forum Courage“ regelmäßige Angebote des interkulturellen Lernens. Für hauptamtliche Fachkräfte werden eigene Fortbildungen zum Thema „Diversity“ angeboten. Als Einrichtung ist sie personell in unterschiedlichen kirchlichen und außerkirchlichen Gremien und Facharbeitsgruppen vertreten, um bei der Netzwerkarbeit mitzuwirken.

Foto: Zur interkulturellen Praxis in der Jugendarbeit gehört beispielsweise diese „Nachbarn-Übung“. Foto: Wilfried Drews

Dr. Wilfried Drews

Dr. Wilfried Drews

geb. 1959, Diplom-Pädagoge, Diplom-Religionspädagoge, Mediaotr, ist seit 1996 bei der Evangelischen Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof e.V. beschäftigt und arbeitet in der Außerschulischen Jugendbildung zu den Schwerpunkten Rassismuskritische Bildung, Reflektierende Diversität, Konfliktbearbeitung und Friedenspädagogik.
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