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Geschrieben von am 11.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Diakonie | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Diakonie Notwendigkeit mit ethischer Fundierung – und basisorientiert

Interkulturelle Öffnung in der Diakonie  Notwendigkeit mit ethischer Fundierung – und basisorientiert

Zum Selbstverständnis der Diakonie gehörte seit ihren Anfängen, dass sie ihre Dienste allen Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit usw. anbietet. Die Hilfe richtet sich an alle, ohne Ausschluss.

Zudem hat sie als Teil der Zivilgesellschaft Verantwortung für einen gelingenden Zusammenhalt in der Gesellschaft. Als „geistesgegenwärtige Diakonie“ (ein Begriff von Altbischof Wolfgang Huber) sieht sie sich in ihrem biblischen Auftrag aufgrund ihrer Rolle als Teil der Evangelischen Kirche, der Gesellschaft und als wirtschaftliche Verantwortung tragende Institution in der Pflicht, gerade in einer sich ständigen wandelnden pluralen globalisierten Gesellschaft auch die gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Vielfalt zu sehen und damit umzugehen, diese positiv aufzunehmen und zu nutzen.

Dabei spielt dann die interkulturelle Orientierung des Denkens und Handelns in der Diakonie eine besondere Rolle, und die Interkulturelle Öffnung stellt eine Notwendigkeit im Sinne einer strategischen Entscheidung und Aufrichtung in einer Einwanderungsgesellschaft dar. Dies, und das sei keineswegs verschwiegen, auch aus wirtschaftlicher Sicht, denn der zunehmende Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Gesellschaft ist auch ein wirtschaftlicher Faktor, der bedacht sein will.

Insgesamt geht es darum, eine diakonische Haltung einzunehmen, in der die eigene ethische Fundierung und konzeptionelle Arbeit auf den Grundgedanken nachhaltiger Inklusion über eine interkulturelle Orientierung hin ausgerichtet wird.

Eigener Weg der Diakonie RWL
Die Diakonie nimmt die damit verbundenen Herausforderungen an und befördert aktiv einen verbandsinternen Prozess zur Verständigung, Vergewisserung und nachhaltigen strukturellen Verankerung der Interkulturellen Öffnung. Vom Bundesverband des Diakonischen Werks der EKD wurden dazu mit dem Kooperationsprojekt „Mitten im Leben – Wege zur Interkulturellen Öffnung der Diakonie“ 2008 wichtige Anstöße gegeben. Landesverbände wie die Diakonischen Werke Baden, Berlin-Brandenburg, Schlesische Oberlausitz und Hamburg sowie die Diakonie in Hessen und Nassau, Württemberg, Bayern und andere haben sich dieses Themas angenommen und in ihren Einrichtungen mit unterschiedlichen Vorgehensweisen vorangebracht.

Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe ist dabei einen eigenen Weg gegangen, da sich bei ihr das Thema „Interkulturelle Orientierung“ durchaus, wie es der Tradition von Rheinland-Westfalen und Lippe entspricht, von unten nach oben entwickelt und ausgebreitet hat – also von den Einrichtungen her, den Trägern der Arbeit vor Ort.

Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe hat bereits 2005 eine Kooperationsvereinbarung mit der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) in Bochum unterschrieben, beide Partnerinnen haben sich verpflichtet, gemeinsame Konzepte in der Fort- und Weiterbildung zu entwickeln, zu erproben und durchzuführen, um zielgerichtet Mitarbeitende, Träger und Einrichtungen für den Prozess der Interkulturellen Öffnung zu sensibilisieren, zu qualifizieren und diese für eine strukturelle Verankerung des Ansatzes zu gewinnen.

Sensibilisierung, Qualifizierung, Reflexion
Der Umsetzungsprozess der innerverbandlichen interkulturellen Orientierung bzw. Interkulturellen Öffnung wird in drei Phasen vorangetrieben.

In der Sensibilisierungsphase werden Akteure geschult, diese erwerben Basiskenntnisse und Fähigkeiten der Interkulturellen Kompetenz, die sie dann im Rahmen von Projektarbeit vor Ort einbringen und umsetzen sollen. Fortbildungen zur Interkulturellen Kompetenz werden überregional wie auch als Inhouse-Schulungen in der Einrichtung vor Ort angeboten. Bei überregionalen Zertifikatskursen nehmen Gesandte einer Einrichtung als Multiplikatoren teil, die dann die Inhalte des Kurses in die Einrichtung transferieren und lokale Prozesse vorantreiben. Große Wirkung zeigen Inhouse-Schulungen vor Ort, an denen alle Mitarbeitenden einer Einrichtung bzw. eines Fachbereichs teilnehmen. Nach der Sensibilisierungs- und Qualifizierungsphase erfolgt die Phase der Reflexion und Vergewisserung. Der Einstieg in diese Phase erfordert einen mit der Leitung abgestimmten internen Diskussionsprozess zur Durchführung einer Bestandsaufnahme bzw. einer Ist-Analyse der bisher geleisteten Arbeit sowie eine Vergewisserung über die vorhandenen Stärken und Schwächen und die Erfassung der aktuellen Bedarfe hinsichtlich des interkulturellen Ansatzes. In dieser Phase erhalten die Träger und Einrichtungen die Chance, sich über das eigene Profil, über die Spannungsfelder und den eigenen Standpunkt angesichts der Herausforderungen zu vergewissern und über nötige zukünftige Öffnungsschritte abzustimmen.

Nach dieser intensiven Reflexions- und Abstimmungsphase verständigen sich die Akteure über die zukünftige Strategie der Verankerung des Ansatzes und stimmen sich über kurz-, mittel- und langfristige Ziele für die Umsetzung des Öffnungsprozesses ab. Der Jahresbericht 2011 zur Interkulturellen Orientierung und Öffnung des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreises Wied bietet Einblicke in die praktische Arbeit dieses Prozesses (zum Download als PDF: http://bit.ly/1IXKnke).

Gute Beispiele, aber zu wenig Strategie
Der aktuelle Stand der Umsetzung der Interkulturellen Öffnung von Mitgliedseinrichtungen der Diakonie RWL ist sehr unterschiedlich. Es gibt sehr positive Beispiele, wie jene der Diakonie Düsseldorf, der Diakonie Hagen, des Diakonischen Werks des Evangelischen Kirchenkreises Wied, die als Vorbilder dienen. Es gibt auch Mitglieder, die noch ganz am Anfang des Prozesses stehen.

Um den Prozess der Interkulturellen Öffnung voranzutreiben, wurden mit dem Trägerworkshop „Interkulturelle Herausforderung für die Organisationsentwicklung“ im Juni 2011 ein gesteuerter verbandsinterner Prozess für Interkulturelle Öffnung der Diakonie RWL in Gang gesetzt. Eine Steuerungsgruppe erarbeitete ein Diskussionspapier mit dem Titel „Umgang mit Vielfalt – Interkulturelle Öffnung in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe“, das als Diskussionsbeitrag von der Trägerkonferenz Migration und Flucht im Oktober 2013 verabschiedet und allen Trägern vorgelegt wurde (das Diskussionspapier zum Download als PDF: http://bit.ly/1TzQTAQ).

Parallel dazu erschien die Handreichung für Träger und Einrichtungen zum Thema „Interkulturelle Öffnung als Diakonische Qualität“, die Beispiele guter Praxis Interkultureller Öffnung von diakonischen Trägern und Einrichtungen beinhaltet.

Wie die bisherige Praxis in diesem Bereich zeigt, ist es wichtig, dass Leitung und Mitarbeitende einer Einrichtung sich für eine gemeinsam zu erarbeitende Strategie entscheiden – wie sie der kulturellen Vielfalt in der Gesellschaft begegnen möchten, welche Haltung gegenüber der Vielfalt zu entwickeln ist und welche Ziele hinsichtlich der Interkulturellen Öffnung zu verfolgen sind.

Die meisten Träger sehen den Öffnungsbedarf und sind mit unterschiedlichen Projekten und Praxisansätzen unterwegs. Allerdings fehlt oft die klare und gemeinsam abgestimmte Strategie für die strukturelle Verankerung des Ansatzes in den jeweiligen Diensten und Einrichtungen. Beispielhaft zu erwähnen ist die Diakonie Düsseldorf, die nach einer Bestandsanalyse zur strukturellen Verankerung des Themas eine Steuerungsgruppe eingerichtet hat, in der Vertreter aller Arbeitsbereiche mitwirken, die die jeweiligen Schritte der Öffnung begleiten und überprüfen.

Wie geht es weiter?
Im vergangenen Jahr führte die Diakonie RWL eine Trägerbefragung zum Stand der Interkulturellen Öffnung durch, um zu untersuchen, wie die Interkulturelle Öffnung in der praktischen Arbeit der Träger im Handlungsfeld Migration und Flucht umgesetzt wird. Was läuft gut? Wo besteht Veränderungsbedarf? Welche Ressourcen werden noch benötigt?

Die schriftliche Trägerbefragung, die Ende des Jahres 2014 abgeschlossen wurde, soll dem Landesverband Erkenntnisse über den Umsetzungsprozess und Informationen über aktuelle Bedarfe zur Ausrichtung der zukünftigen Arbeit liefern.

Die Ergebnisse können im Referat Migration und Flucht der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V., Lenaustraße 41, 40470 Düsseldorf nachgefragt werden.

Kontaktperson: Ioanna Zacharaki, Telefon 0211 6398-253, E-Mail i.zacharaki@diakonie-rwl.de.

Ioanna Zacharaki

Ioanna Zacharaki

geb. 1963, M.A, Germanistin, Soziologin, Referentin für Integration und Interkulturalität bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. in Düsseldorf. Schwerpunkte: Koordination, Fachberatung, Fortbildung, Entwicklung und Praxisbegleitung von interkulturellen Projekten.

Nikolaus Immer
geb. 1952, seit 25 Jahren im Bereich der Diakonie beschäftigt. Seit 2008 Leiter des Geschäftsbereiches Soziales und Integration bei der Diakonie RWL.
Ioanna Zacharaki

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