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Geschrieben von am 11.09.2015 in Interkulturelle Öffnung in der Bibel | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung in der Bibel: Abraham als Ausländer, Jesus als Fremdling

Interkulturelle Öffnung in der Bibel: Abraham als Ausländer, Jesus als Fremdling

Die biblischen Texte kennen eine Vielzahl von Beispielen: Fremde sind anders. Fremde sind fremd. Ihre Fremdartigkeit kann anstrengend sein – und bereichern. Doch es gehört zum Selbstverständnis Israels und des Jesus von Nazareth, fremd zu sein. Alles beginnt mit Kain, als Brudermörder verurteilt zu einem unsteten Flüchtlingsdasein auf Erden. Noah, Abraham und Lot – sie alle macht Gott zu Ausländern. Als Hungerflüchtling geht Isaak nach Ägypten. Dort steigt der Vorzeigemigrant Josef zum Stellvertreter des Pharaos auf und erhält Wohnrecht für seine Familie.

In seinen Erzvätern identifiziert sich das Volk Israel mit ausgegrenzten Wanderern zwischen den Welten. Welche Migrationserfahrungen hatte es selbst gemacht, etwa in der Diaspora des babylonischen Exils? Und welche eigenen Erfahrungen bewegten die Menschen der Bibel, weiterzuerzählen, dass ein neuer Pharao – sei es aus Unkenntnis, Fremdenfeindlichkeit oder Populismus – ihre Vorfahren versklavte, so dass sie wieder flüchten mussten? In dieser Situation Gott zu begegnen, wird zum Schlüsselerlebnis der Volkswerdung Israels und seiner Beziehung zu Gott.

Anders als andere Völkerschaften verstand sich Israel nicht als Zentrum der Schöpfung: Alle Menschen, geschaffen nach dem Bild Gottes, sind eines Ursprungs. Die Vielfalt der Völker, wie sie in den Genealogien zum Ausdruck kommt, ist gottgewollt. Der allzu menschliche Versuch, alle durch ein himmelstürmendes Turmbauprojekt zu Babel gleichzuschalten, endet in der Sprachverwirrung. Gott befreit die Menschen zur lebendigen Vielgestaltigkeit. Bloß keine Uniformität!

Begegnung mit Fremden bringt Segen
Andererseits bezeugt das Alte Testament nachhaltig, dass das menschliche Leben durch die Einordnung in eine Gemeinschaft konstituiert wird. Der Mensch ist ein soziales Wesen – und darum ein kulturelles Wesen. Er muss in der Kultur einer sozialen Gemeinschaft leben. Sonst ist er kein Mensch.

Von einem solch universalen Menschenbild, das auch die kulturelle Fremdheit des Anderen zu schätzen weiß, leitet sich der Umgang mit Fremden her: Sie sind schutzbedürftig und schutzwürdig. Fremde dürfen Nachlese halten (Dtn 24,19ff) und haben Anteil am Drittjahreszehnten (Dtn 14,28f). Auch das ist ungewöhnlich in dieser Zeit: „Einerlei Recht soll für euch gelten, für den Einheimischen wie für den Fremden.“ (Ex 12,49 u.a.) Denn Israel weiß, wie Fremdsein ist. „Ein umherirrender Aramäer war mein Vater“ (Dtn 26,5ff), so prägt sich das so genannte „Kleine Credo“ ein.

Fremde sind jedoch mehr als das. Die Begegnung mit ihnen vermittelt Segen und Erkenntnis Gottes. Die Moabiterin Rut wird ihrer Schwiegermutter Noomi zum Segen. Und machte nicht erst der Midianiter Jitro den Flüchtling Mose mit Jahwe bekannt (Ex 18,12)? Für Jesus erweisen sich die kanaanäische Frau (Mt 15, 21ff) und der Hauptmann von Kapernaum (Lk 7,1ff) als kompetente Gesprächspartner: In der Begegnung mit ihnen erkennt Jesus, dass die Heilszusage Gottes über sein Volk hinausreicht.

Gastfreundschaft ist Ausdruck des Liebesgebots
Einem Samariter spricht Jesus – wenige Verse, nachdem er selbst Ausgrenzung durch die Samariter erfahren hat (Lk 9,52ff) – eine ethische Beispielfunktion zu, die ihn gerade als Fremden auszeichnet. Und unter dem Kreuz ist es ein heidnischer Hauptmann, der die Heilsbedeutung des Geschehens zuerst erfasst (Mk 15,39 par.).

Dabei wird der Wanderprediger Jesus im Neuen Testament wiederholt als Fremdling portraitiert. Nach Matthäus flieht Jesu Familie zunächst aus ihrer Heimatstadt Betlehem nach Ägypten und gelangt erst von dort ins galiläische Nazareth. Das Endgerichtsgleichnis sieht in den geringsten Geschwistern – und dazu zählen in der Bibel selbstverständlich die Fremden und Flüchtlinge – das Antlitz Jesu aufblitzen (Mt 25,31ff). Ausschlaggebend für die Verbreitung des christlichen Glaubens in den ersten Jahrhunderten war seine Öffnung für alle Menschen, gleich welcher Volkszugehörigkeit. Das war die Grundlage der weiträumigen Missionstätigkeit des Paulus. Markantes Kennzeichen der frühen christlichen Gemeinden war die Gastfreundschaft. Insbesondere die Aufnahme Fremder galt als Ausdruck des Liebesgebots.

Die biblischen Texte kennen zahllose Beispiele vom positiven Umgang mit kultureller Fremdheit. Zugegeben, das ist nur die halbe Wahrheit. Auch die Menschen der Bibel lebten im Spannungsverhältnis von Abgrenzung und Integration. Die Verfluchungen der Nachbarvölker (Jes 34), die in den blutigen Eroberungsfantasien des Josuabuches gipfeln, sind auch Teil der Bibel. Dass Israel seine Identität als Gottesvolk bewahren konnte, war immer auch der Abgrenzung gegenüber fremden Völkern geschuldet. Doch für viele Propheten und für Jesus steht fest: Aggressives Verhalten gegenüber Fremden ist nicht im Sinne Gottes. Als segensreich gilt viel öfter, sich auf die Begegnung mit dem Fremden einzulassen. Diese Traditionslinie ist starkzumachen.

Foto: Insgesamt sind 190 Staaten der Welt in Deutschland vertreten. (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013)

Dr. Stefan Heinemann

Dr. Stefan Heinemann

geb. 1978, ist Gemeindepfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Hennef (Rheinland). Auf seinen Erfahrungen in der weltweiten Ökumene fußte seine Promotion „Interkulturalität. Eine aktuelle Herausforderung für Kirche und Diakonie“ an der Universität Bonn 2011. Seit 2009 ist er Mitglied im Ausschuss für Außereuropäische Ökumene und Mission.
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