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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung im Presbyterium | 2 Kommentare

Interkulturelle Öffnung im Presbyterium: Mit persönlicher Positionierung zur Veränderung – noch ungewohnt

Interkulturelle Öffnung im Presbyterium:  Mit persönlicher Positionierung zur Veränderung – noch ungewohnt

Wenn eine Gemeinde sich auf den Weg der Interkulturellen Öffnung begibt, so ist das Presbyterium das entscheidende Gremium, diesen Schritt sorgfältig zu beraten und zu verabschieden, und zwar in Kooperation mit dem Arbeitsbereich, der für Kommunikation und Begleitung zuständig ist. Besonders wichtig: Die Thematik erfordert Zeit – für Presbyteriumsnachmittage, -wochenenden oder -klausuren.

Es wird sicher zu unterscheiden sein, ob es sich um eine Grundsatzentscheidung handelt oder ob bereits ein konkretes Projekt in Planung ist. Ebenfalls entscheidend ist es, ob es um die Anstellung eines christlichen oder nicht christlichen Mitarbeiters/einer Mitarbeiterin geht. Presbyterien müssen die rechtlichen und theologischen Grundlagen kennen. Davon ausgehend kann dann eine für die Gemeinde spezifische und passende Projektbeschreibung vorgenommen werden. Die folgenden Anregungen sind als Vorschläge zu verstehen, aus denen je nach verfügbarem Zeitbudget eine Auswahl zu treffen ist.

Persönliche Positionierung

Vermutlich gibt es in jedem Presbyterium Vorbehalte, Ängste oder Verunsicherung, wenn es um die Interkulturelle Öffnung unter den Mitarbeitenden geht. Dies wird besonders dann der Fall sein, wenn ein nicht christlicher Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin eingestellt werden soll. Wichtig ist es, dass es buchstäblich einen „Raum“ gibt, in dem auch mögliche Vorbehalte ausgesprochen werden können. Auf der anderen Seite ist auch eine unreflektierte Zustimmung wenig tragfähig und erfordert eine theologische Auseinandersetzung. Hier sind Methoden zu wählen, die das Gespräch eröffnen, ohne sofort zu argumentieren und zu bewerten. Die Bereitschaft von Presbyterien, sich auf solche Methoden einzulassen, wird sicher unterschiedlich sein und auch von den zeitlichen Rahmenbedingungen abhängen. Es ist deshalb wichtig, Presbyterinnen und Presbyter zu ermutigen, solche möglicherweise ungewohnten Zugänge auszuprobieren. Das Ziel muss transparent sein: Es geht darum, dass jeder und jede sich über die eigene Position klar wird und diese ins Gespräch einbringt. Zugleich wird auf diese Weise die Vielfalt unterschiedlicher Positionen und Wahrnehmungen deutlich. Sehr zu empfehlen ist es, dafür eine externe Moderation in Anspruch zu nehmen, damit auch die Leitenden die Chance haben, sich ebenso einzubringen wie alle anderen.

Eine geeignete Methode zum Einstieg bietet z.B. eine Punkteabfrage (verschiedene unterschiedlich positionierte Äußerungen werden mit Klebepunkten gewichtet). Alternativ dazu kann eine Skala mit unterschiedlichen Positionen am Anfang und am Ende erstellt werden. Oder alle stellen sich im Raum zu bestimmten Aussagen auf und Einzelne werden befragt, warum sie sich so positioniert haben. Ein Vier-Ecken-Gespräch befördert einen noch stärkeren Austausch: Jede Ecke des Raums erhält eine These, zu der sich eine Kleingruppe mündlich oder in einem Schreibgespräch austauscht, z.B.:

  • In einer evangelischen Gemeinde sollten nur Evangelische mitarbeiten, weil …
  • Muslimische Mitarbeitende bieten für unsere Gemeinde eine Chance, weil…
  • Ich bin mir unsicher, weil…
  • Ich sehe besondere Hindernisse, weil…

Nach einigen Minuten wechseln die Gruppen die Position, auch die Gruppenzusammensetzung kann sich verändern. Die Formulierungen der Thesen sollten dabei möglichst persönlich und weniger fachlich-formal gehalten werden. Es kommt darauf an, unterschiedliche Positionen erst einmal ehrlich zu benennen, ohne sie zu bewerten. Auch Widerstände dürfen zur Sprache kommen, sie sollten nicht zu schnell „argumentativ“ aus dem Weg geräumt werden.

Die persönliche Positionierung kann methodisch ergänzt werden, z.B. die lacemat-Methode, Fishbowl oder Kugellager als Diskussionsformen, um einen möglichst breiten Austausch zu ermöglichen (siehe „Methodenpool“ am Ende dieses Beitrags).

Biblische und theologische Grundlegung
„Von der Kirche für andere zu der Kirche mit anderen“ – diese Perspektive wird in diesem Werkbuch formuliert. Damit das nicht nur ein Slogan bleibt, ist eine biblische und systematisch-theologische Fundierung notwendig. Im Beitrag von Stefan Heinemann (Seite 8 ff. in diesem Buch) werden verschiedene biblische Erzählungen benannt, bei denen Menschen, die nicht zum Volk Israel gehören, eine wichtige Rolle in Gottes Geschichte mit seinem Volk und den Menschen haben. Es bietet sich an, sich mit einer oder mehreren dieser Geschichten in Kleingruppenarbeit auseinanderzusetzen. Dabei können kreative Methoden der Bibelarbeit zum Einsatz kommen, mit der die verschiedenen Ebenen der biblischen Texte erschlossen werden (s. Beispiele im Anhang, Seite 85). Eine gemeinsame Fragestellung, die auf die Interkulturelle Öffnung der Gemeinde abzielt, sollte für alle Gruppen gefunden werden (z.B.: Welche neue Perspektive eröffnet diese Erzählung für unsere Gemeinde?/Welche Fragen bleiben offen?).

Ein kreativer Ansatz, die ekklesiologischen Fragestellungen aufzugreifen, könnte z.B. darin bestehen, eine Kirche für andere und eine Kirche mit anderen zu visualisieren (z.B. mit bildlicher oder gestalterischer Darstellung, Collagen, Standbild, szenische Darstellung). Eine Impulsfrage zur Auswertung könnte z.B. lauten: Was muss sich in unserer Gemeinde ändern, um von einer Kirche für andere zu einer Kirche mit anderen zu werden? Als relativ unproblematisch wird häufig eine Interkulturelle Öffnung in Arbeitsbereichen angesehen, die in der Wahrnehmung der Gemeinde eher am Rande stehen, wie z.B. in diakonischen Arbeitsbereichen, Kindertagesstätten oder der offenen Jugendarbeit. Hier stellt sich auch die Frage, wie die Erfahrungen dieser Arbeitsbereiche stärker ins Zentrum rücken können und was dies für das vermeintliche „Kerngeschäft“ wie Gottesdienste und Kasualien oder auch die Konfirmandenarbeit bedeutet.

Information: Rechtliche Voraussetzungen/Erfahrungen

Ein wichtiger Teil der Beratungen ist die Information über die bisherigen und veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen. Dafür bietet dieses Werkbuch eine gute Grundlage (vgl. Seite 30 ff.). Auch hier können verschiedene Aspekte in Kleingruppenarbeit vorbereitet und präsentiert werden – wenn dies die Zeit erlaubt. Sonst ist auch ein kurzer Impuls mit entsprechendem Thesenpapier eine Möglichkeit. Einen ergänzenden Zugang bietet z.B. ein Bericht aus einer Gemeinde/Einrichtung, die bereits Erfahrungen mit Interkultureller Öffnung gesammelt hat.

Praktische Umsetzung

Entsprechend dem Ansatz im Mitarbeitenden-Ausnahme-Gesetz, aber auch als generelle Arbeitsgrundlage, eine Interkulturelle Öffnung umzusetzen, ist eine klare Projektbeschreibung nötig. Auch wenn eine Ausformulierung sicher nicht in der Presbyteriumssitzung geschehen kann, sollten hier Stichpunkte für einen Entwurf gesammelt werden. Dazu gehören neben der Beschreibung von Voraussetzungen und Rahmenbedingungen eine Zielformulierung und die Festlegung von Arbeitsschritten. Hilfreich ist auch die Überprüfung der Gemeindekonzeption, möglicher Anknüpfungspunkte und notwendiger Veränderungen. Dies bezieht sich auf einzelne Arbeitsbereiche (z.B. in Kindertagesstätten, Jugendarbeit, Diakonie). Gleichwohl ist Interkulturelle Öffnung auch als Querschnittsaufgabe wahrzunehmen und zumindest probeweise für verschiedene Arbeitsbereiche zu formulieren.

Ebenfalls zu planen ist die Kommunikation in die Gemeinde hinein. Sind die Presbyteriumsmitglieder darauf ausreichend vorbereitet? Es ist damit zu rechnen, dass es auch dort ablehnende oder irritierte Reaktionen geben kann. Wie wird damit umgegangen? Sprachfähigkeit und eine größtmögliche Transparenz sind hier gefragt.

Projektbegleitung/Evaluierung

Da es nicht allein darum geht, Mitarbeitende anderer Kultur oder Religion einzustellen, sondern vielmehr einen Prozess einzuleiten, der auch die Gemeinde verändert, ist eine aufmerksame und kontinuierliche Begleitung besonders wichtig. Das Presbyterium muss festlegen, wie und durch wen dies geschieht, und sich regelmäßig Zeit für Bericht und Beratung nehmen. Entsprechend dem Mitarbeitenden-Ausnahme-Gesetz ist das Projekt, nicht christliche Mitarbeitende zu beschäftigen, vorerst zeitlich begrenzt. Auch für die Frage einer weiteren Perspektive ist die Evaluierung und Auswertung der bisherigen Erfahrungen unverzichtbar.

Feedback

Zum Abschluss der Arbeit ist eine Feedbackrunde zu empfehlen, bei der sich alle noch einmal äußern können, ohne dass die Beiträge kommentiert oder diskutiert werden. So kann wahrgenommen werden, wo die Gruppe im Prozess steht, was sich verändert hat und was für die Weiterarbeit wichtig bzw. noch offen ist.

Anhang

  • Methoden zur Arbeit mit Bibeltexten
  • Dialogisieren/Weiterschreiben
  • Die Geschichte/den Text laut vorlesen
  • Sich mit einer Person/Figur identifizieren und die Geschichte/den Text neu hören (perspektivisches Hören)
  • Personen/Figuren der Geschichte/des Textes melden sich zu Wort/nehmen das Wort.
  • Ein dialogischer Text entsteht.

Das Standbild/Denkmal

  • Die Geschichten/den Text laut vorlesen und die Verben notieren, die das Standbild/Denkmal bestimmen könnten.
  • Gemeinsam überlegen, welche Szene/Situation besonders wichtig ist und welche sich für ein Standbild/Denkmal eignet.
  • Kleingruppen erproben einzelne Szenen/Situationen als realistisches oder abstraktes Standbild/Denkmal (entweder die Gruppe arbeitet gemeinsam oder ein „Künstler“ formt die anderen als „Material“ zu einem Standbild/Denkmal.
  • Die Standbilder/Denkmäler werden präsentiert. Die Zuschauenden können Veränderungen vornehmen.

Textsoziogramm

  • Die Geschichte lesen. Die Personen/Figuren benennen und notieren in der Reihenfolge ihres Vorkommens.
  • Auf eine Ellipse auftragen.
  • Die Geschichte Satz für Satz durchgehen; die Aktionen/Interaktionen der Personen/Figuren als Verbindungslinien auf der Ellipse eintragen. Ein Beziehungsgeflecht entsteht.
  • Die Anzahl der Verbindungslinien „auszählen“. Den Schwerpunkt für die Gewichtung der Geschichte entdecken.
  • Der Geschichte eine treffende Überschrift geben. Mit anderen Überschriften, z. B. in der Bibel, vergleichen. Übereinstimmungen/Unterschiede entdecken.

Foto: Altenpflegerin Simona Winckler kümmert sich um die Essensgäste im Altenheim der Diakonie am Kaiserswerther Markt in Düsseldorf. Foto epd / Stefan Arend

Dr. Beate Sträter

Dr. Beate Sträter

geb. 1961, Schulreferentin in Bonn, Pastorin i.E. und Politikwissenschaftlerin. Seit vielen Jahren im christlich-muslimischen und christlich-jüdischen Gespräch engagiert, Synodalbeauftragte des Kirchenkreises Bonn für das christlich-muslimische Gespräch, Vorsitzende des Arbeitskreises Christen und Muslime in der EKiR und Mitglied in der Konferenz für Islamfragen der EKD.
Dr. Beate Sträter

2 Kommentare

  1. Als Pfarrer in der Ev. Kirche in Hessen und Nassau kann ich die Herausgeber zu diesem Werkbuch nur beglückwunschen. Ich kenne keine andere Publikation, die so breit, so lesefreundlich und praxisnah „Interkulturelle Öffnung“ durch die verschiedene Arbeitsfelder der kirche durchdekliniert (gefehlt hat mir nur der wichtige Bereich der Kirchenmusik).
    Hier und da sehe ich jedoch eine gewisse Engführung, die ich am Kapitel über das Presbyterium deutlich machen will: Interkulturelle Öffnung macht sich hier fast ausschließlich an der Frage fest, ob Menschen anderen Glaubens (meist gleichgesetzt mit Muslimen) in ev. Einrichtungen hauptamtlich mitarbeiten können.
    Nun schreibt schon Präses Rekowski im Vorwort, dass 57% der MigrantInnen ChristInnen sind.
    Ihnen einen anderen Glauben (meist den Islam) zu unterstellen, verstärkt ein weit verbreitetes „Othering“: Fremde werden auf ihr „Anderssein“ reduziert,ohne damit zu rechnen, in ihnen (oft sogar protestantische!) Geschwister im eigenen Glauben zu finden.
    Fragen, die ein Presbyterium z.B. diskutieren könnten, wären aus meiner Sicht:
    – Aus welchen Ländern und religiösen Richtungen kommen Personen mit Migrationshintergrund in unserem Gemeindegebiet?
    – Wie begegnen wir ihnen in unseren gemeindlichen Arbeitsfeldern?
    – Spiegelt sich diese kulturelle Zusammensetzung unter den ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern und im Presbyterium? Wenn nicht: Wie können wir dafür Hindernisse abbauen?
    – Kennen wir „Brückenpersonen“, die in unserer Gemeindepraxis durch ihre interkulturelle Kompetenz zwischen langansässige Christen und Christen anderer Herkunft vermitteln können?

    Das alles schmälert die Bedeutung der Anregungen von Frau Sträter in keiner Weise.

    Herzliche Grüße aus Frankfurt a.M., Bendix Balke

    • Sehr geehrter Herr Balke,
      ich möchte mich herzlich für die positive Rückmeldung zu meinem Beitrag bedanken, wie auch für Ihre wichtigen Anmerkungen und Ergänzungen. Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass meine Ausführungen sich vorrangig auf Menschen anderen Glaubens und hier auf Muslime bezogen haben, was auch mit meinem fachlichen Hintergrund zu tun hat. Darüber hinaus scheint mir die Hürde, einen nichtchristlichen Mitarbeitenden einzustellen, deutlich höher, als bei Christen aus anderen Teilen der Welt.
      Für eine Beschäftigung im Presbyterium mit Christen anderer Sprachen und Herkunft haben Sie wichtige Anregungen gegeben, die unsere Wahrnehmung schärfen und auch unsere Praxis in den Kirchengemeinden ändern können. Auch Ihr Hinweis, dass wir bei Migranten -und aktuell bei den neu zuwandernden Flüchtlinge- nicht automatisch unterstellen sollten, dass es sich hier um Muslime handelt, ist in vielerlei Hinsicht wichtig, nicht zuletzt was immer wieder geäußerte Befürchtungen betrifft, durch die Flüchtlinge würde Deutschland „islamisiert“. Dass es auch bei Christen aus dem arabischen Raum, aber gleicherweise aus Asien oder Afrika nötig und bereichernd ist, sich in einen interkulturellen Lernprozess zu begeben, können sicher alle bestätigen, die schon mit Gemeinden anderer Sprachen und Herkunft in Kontakt sind, z.B. durch die Bereitstellung von Kirchen und Gemeinderäumen. Der Prozess der interkulturellen Öffnung, wie er im Werkbuch diskutiert ist, hat ausdrücklich auch diese Gruppen im Blick.

      Mit herzlichen Grüßen,
      Beate Sträter

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