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Geschrieben von am 14.09.2015 in Interkulturelle Öffnung im Gottesdienst | 5 Kommentare

Interkulturelle Öffnung im Gottesdienst: Hinweise zur Planung und Durchführung interkultureller Gottesdienste

Interkulturelle Öffnung im Gottesdienst:  Hinweise zur Planung und Durchführung interkultureller Gottesdienste

Es gibt nicht den interkulturellen Gottesdienst. Je nach Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Ort, beteiligten Gemeinden und Stand des Vertrauens sind verschiedene Formen und Stile sinnvoll. Aufgrund reicher Erfahrung mancherorts (z.B. Essen, internationaler Gospelgottesdienst in Hamburg mit über 100 Gottesdiensten in den letzten Jahren) kann man aber folgende Empfehlungen geben:

Fremdheit wahrnehmen, ökumenische Vielfalt akzeptieren
Bevor man Gottesdienste zusammen feiert, hilft es, zunächst in kleinen Gruppen den (normalen) Gottesdienst anderer Gemeinden zu besuchen, um Verständnis für verschiedene Traditionen zu entwickeln.

Vertrauen
wachsen lassen. Es ist schwer, wenn Menschen verschiedener Kulturen einander erst unter dem Druck, eine Veranstaltung planen zu müssen, kennenlernen.

Gleichgewicht zwischen Planungssicherheit und der Freiheit des Geistes
Es gilt der Spruch: „Auch Spontaneität will wohl überlegt sein“. Ein afrikanischer Pastor formuliert seine Predigt nicht vorher aus, ein deutscher Küster will aber wissen, wann der Gottesdienst zu Ende ist. Der unterschiedliche kulturelle Zugang zu Fragen der Organisation sollte bewusst gemacht und humorvoll ausgeglichen werden.

Sicherheit bieten
durch ein aktives Team, das den Gottesdienst anleitet, und durch ein schriftliches (zweisprachiges) Programm mit dem Ablauf und wichtigen Texten, das am Eingang von freundlichen Menschen verteilt wird oder an den Plätzen ausliegt.

Willkommenskultur
Zu interkulturellen Gottesdiensten gehört noch mehr als zu „normalen“ Gottesdiensten eine Willkommenskultur, dazu der Vorschlag: Nach der Begrüßung treten alle aus ihren Bänken und schreiten gegenläufig im Mittelgang aneinander vorbei, um sich zu begrüßen und die Hand zu schütteln.

Beteiligung
ermöglichen (z.B. durch ein 5- bis 10-minütiges Bibelgespräch in Kleingruppen in den Bänken zum Predigttext; gerne kurzes Sammeln (keine erneuten Predigten!) von drei oder vier Zeugnissen oder Statements für alle. Dazu ist ein tragbares, möglichst drahtloses Mikrofon nützlich.

Vertraute Sprache
Interkulturelle Gottesdienste sind keine Inszenierung der babylonischen Sprachverwirrung: Man sollte sich daher grundsätzlich auf eine oder zwei Sprachen einigen (zum Beispiel Deutsch und Englisch), in denen gelesen, gesungen, gepredigt und gebetet wird und in denen die Programme erscheinen. Gleichwohl tut es allen Beteiligten gut, wenn sie ihre Muttersprache mindestens einmal im Gottesdienst hören (in der Begrüßung, bei einer Lesung – die anderen Sprachen können dann im Programm abgedruckt sein –, beim Gebet).

Unsicherheiten reduzieren
durch kurze Erklärungen zu den Stücken im Gottesdienst und durch den Verzicht auf allzu Fremdes. Dazu ist eine gute, vertrauensvolle Vorbereitung im Team notwendig.

Musik
Musik ist eine universelle Sprache, die die Atmosphäre des Gottesdienstes maßgeblich bestimmt. Sie sollte gut vorbereitet und gut dargeboten werden. Liedtexte lassen sich besser an die Wand projizieren, ein Chor oder ein Band sorgen für gute Stimmung und Sicherheit bei (neuen) Liedern.

Predigt
in einer, höchstens zwei Sprachen, nicht zu lang, Dialogpredigten haben sich bewährt, da im Zentrum des Gottesdienstes die Predigerinnen/Prediger der beteiligten Gruppen vorkommen und nicht eine die andere dominiert.

Begegnungen
am oder nach dem Schluss des Gottesdienstes bei einer Tasse Tee oder einem Essen sind sehr wichtig, um sich noch besser kennenzulernen und Feedback über den Gottesdienst zu erhalten. Erkunden Sie dazu vorher die räumlichen, technischen und personellen Möglichkeiten. Oft besteht die Gastgebergemeinde (nicht zu Unrecht) darauf, nichts selbst organisieren zu müssen.

Festes Organisationsteam
mit klaren Aufgaben benennen; organisatorische und technische Details beachten; Pannen und Kompetenzwirrwarr können ansonsten gut vorbereitete Gottesdienste verderben.

Gute Öffentlichkeitsarbeit
sollte man darin erfahrenen Mitarbeitenden (z.B. Öffentlichkeitsarbeit der Kirchenkreise) übertragen und bestehende Kanäle (Verteiler, Pressekontakte, Internet) nutzen.

LINK: „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt“: Ein Vorschlag für die Gestaltung eines ökumenischen Gottesdienstes findet sich im Materialheft zur Interkulturellen Woche 2015, Seite 45

Markus Schaefer

Markus Schaefer

geb. 1966, ist Landespfarrer für die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in der Evangelischen Kirche im Rheinland und in der Evangelischen Kirche von Westfalen und Mitglied der Steuerungsgruppe zur Interkulturellen Öffnung in der EKiR.
Markus Schaefer

5 Kommentare

  1. Die in der Ausgangsversion des Handbuchs aufgeführten Hinweise haben offenkundig Gottesdienste zu besonderen Anlässen oder in größeren Abständen vor Augen. Mit der aktuellen Flüchtlingswelle wird sich die Frage für immer mehr Gemeinden stellen, wie sie Christen aus anderen Kulturen in ihren regulären Gottesdiensten willkommen heißen können. In Bayern hat man dazu schon einige Tipps und Erfahrungen gesammelt: http://elkb2punkt0.bplaced.net/wordpress/gottesdienste-mit-fluechtlingen/

    • Wir tun erste Schritte und auch die Begrifflichkeit ist erst im Werden: „Interkulturelle“ oder „internationale Gottesdienste“, „Gottesdienste mit Flüchtlingen“. Die Hinweise auf interkulturelle Gottesdienste im Werkbuch zielen tatsächlich auf (warum nicht regelmäßige und sicher auch „reguläre“!) Gottesdienste. Flüchtlinge in den (deutschen) Sonntagsgottesdienst zu integrieren ist vielerorts „dran“, aber ob es dann schon „interkulturelle Gottesdienste“ sind, wenn die Begrüßung auch auf Englisch stattfindet und am Eingang Bibeln auf Farsi ausliegen?

  2. Sind die KirchenmusikerInnen in diesem interkulturellen Prozess einbezogen? Wenn ja, wie? Es reicht nicht „die Liedertexte an die Wand zu projizieren…“ ChorleiterInnen müssen unbedingt wissen, wie man mit Chorsängern aus anderen Kulturen umgeht. Es fängt schon mit der Begrüßung vor der Chorprobe an…

    • Natürlich reicht es nicht aus, „…Liedertexte an die Wand zu projizieren“, da stimme ich voll zu. In dem Beitrag im Werkbuch geht es in erster Linie um Gottesdienste, die mit Christinnen/ Christen aus anderer Kulturen vorbereitet und gefeiert werden. Eine ebenso wichtige, aber andere Frage ist, wie wir Menschen aus anderen Kulturen in bestehende deutsche Gruppen (z.B. Chöre) und Veranstaltungen (z.B. Sonntagsgottesdienste) besser integrieren können. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang. Interkulturelle Kompetenz wird zukünftig von vielen Mitarbeitenden verlangt werden, aber sie lässt sich erst nach und nach erwerben. Entsprechende Module werden zurzeit entwickelt; alle Arbeitsfelder, auch die Kirchenmusik, werden sich – hoffentlich – auf die Herausforderung einlassen und entsprechende Kompetenzen in ihre Aus- und Fortbildungen einbauen. Ich leite die Anregung/ Notwendigkeit gerne weiter!

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