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Geschrieben von am 13.09.2015 in Interkulturelle Öffnung im Dialog mit den Religionen | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung im Dialog mit den Religionen: Interreligiöser Dialog stärkt die eigene Identität

Interkulturelle Öffnung im Dialog mit den Religionen: Interreligiöser Dialog stärkt die eigene Identität

Interkulturelle Öffnung von kirchlichen und gemeindlichen Arbeitsfeldern schafft Chancen des interreligiösen Dialogs und des interreligiösen Lernens in unterschiedlichen Zusammenhängen: Dies kann in dem Arbeitsfeld selbst stattfinden, wie zum Beispiel in einem Kindergarten oder in der Jugendarbeit, kann aber auch in einer Kirchengemeinde das Interesse wecken, generell etwas mehr über die Religion des nicht christlichen Mitarbeitenden zu erfahren. Sie kann, wo es noch nicht geschieht, den Anstoß geben, einen Dialog zu beginnen oder ihn auch fortzusetzen und – um neue Fragestellungen zu erweitern – die Wahrnehmung für nicht christliche religiöse Gemeinschaften in der Nachbarschaft zu schärfen.

Interreligiöser Dialog stärkt eigene christliche Identität
Der interreligiöse Dialog findet auf verschiedenen Ebenen statt: Neben dem im engeren Sinne theologischen Dialog, der sich mit zentralen Fragen des Glaubens beschäftigt und der häufig in Erwachsenenbildungsveranstaltungen oder auf akademischer Ebene stattfindet, gibt es auch den so genannten „Dialog des Lebens“. Dieser lebt aus den Begegnungen mit Menschen anderen Glaubens im Alltag und hat häufig Fragen des Zusammenlebens zum Thema. Dabei wäre eine zu scharfe Trennung beider Bereiche irreführend. Je intensiver und selbstverständlicher die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religion wird, umso mehr werden auch Fragen des Glaubens, des Gottesbildes und der religiösen Praxis in den Blick kommen.

In Deutschland findet der interreligiöse Dialog hauptsächlich mit dem Judentum und dem Islam statt, weil es in erster Linie jüdische und muslimische Menschen sind, mit denen wir hier zusammenleben. In anderen Ländern, wie zum Beispiel England oder den USA, wo auch Hindus, Sikhs und Buddhisten leben, sind auch diese Religionen mehr im Fokus. Hinzu kommt: Jeder interreligiöse Dialog findet nicht im neutralen Raum statt, sondern ist durch historische, gesellschaftliche, soziale und aktuelle politische Zusammenhänge bestimmt. Dies wird in Deutschland besonders an den Unterschieden deutlich, die sich am Dialog mit dem Judentum und dem Islam zeigen. So ging das christlich-jüdische Gespräch nach dem Zweiten Weltkrieg sehr stark von der Erfahrung des Holocaust aus.

Hinzu kommen die engen theologischen Verbindungen zwischen Christentum und Judentum, die durch die gemeinsame Heilige Schrift bestimmt sind, aber auch durch die Tatsache, dass Jesus selbst Jude war und das Christentum sich aus dem Judentum entwickelte. Auch die christliche Theologie musste sich mit einer langen Schuldgeschichte und ihrem Anteil bei der Entstehung des Antisemitismus auseinandersetzen. Über lange Zeit lebten zudem nur sehr wenige Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland, was sich allerdings durch die Zuwanderung aus den GUS-Staaten in den letzten Jahren geändert hat.

Islamische Vielfalt im Miteinander
Dies ist beim Islam anders. Hier standen zu Beginn weniger theologische Fragen, sondern Fragen des Zusammenlebens mit den muslimischen Arbeitsmigranten und ihren Familien im Vordergrund. Sehr stark war der christlich-muslimische Dialog mit Fragen der Integration vermischt und hatte lange eine Stellvertreterfunktion, da die Kirchen die ersten und lange auch die einzigen Akteure waren, die sich mit der Religion der Zugewanderten auseinandersetzten. Auch aktuelle politische Entwicklungen wie eine häufig mit Ausländerfeindlichkeit vermischte Islamfeindlichkeit, die Diskussion um religiös begründeten Extremismus, die politischen Entwicklungen in muslimischen Ländern und der Nahostkonflikt spielten und spielen in diesen Dialog mit hinein.

Der im engeren Sinne theologische Dialog mit dem Islam macht sich häufig an Fragen einer gemeinsamen Praxis fest: Kann es gemeinsame Gebete oder Gottesdienste geben? Glauben wir an den gleichen Gott? Welches Verständnis vom Menschen und von der Schöpfung haben wir? Wenn es eine islamische Begleitung in Notfällen und Krisen oder im Krankenhaus gibt, passen dann christliche Seelsorgekonzepte oder hat der Islam einen eigenen Umgang mit Leiderfahrungen, mit Krankheit und Tod? Welches Konzept von Kindheit, Jugend und Familie gibt es, und wie sollen wir in der Schule, im Kindergarten, in der Jugendarbeit mit solchen Unterschieden umgehen? Wie ist das Geschlechterverhältnis religiös begründet, wie die Vorstellungen von Sexualität und Lebensformen?

Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen, es zeigt sich aber, dass es häufig Fragen des konkreten Miteinanders sind, die hier zu einer theologischen Auseinandersetzung führen. Dabei wird auch deutlich, dass es bei vielen Fragen neben einem muslimischen Grundkonsens eine Vielfalt von möglichen Antworten und Sichtweisen unter Muslimen und Musliminnen gibt. Ein weiterer Aspekt ist die nötige Unterscheidung von Traditionen, die kulturell geprägt sind, und religiösen Glaubensinhalten. Islamische Theologie ist vielfältig und vielgestaltig und keine statische Größe. Seit es auch an deutschen Hochschulen das Fach Islamische Theologie gibt, wird diese Vielfalt zunehmend sichtbar. Denn oftmals war und ist es für eine Kirchengemeinde nicht leicht, muslimische Gesprächspartner in den örtlichen Moscheegemeinden zu finden. Mit dem Heranwachsen einer jüngeren Generation, deren Muttersprache Deutsch ist und in der es zunehmend auch religiös gebildete oder sogar akademisch ausgebildete Theologen und Theologinnen gibt, sowie mit der Einrichtung islamischen Religionsunterrichts wird dies in Zukunft sicher einfacher.

Die Erfahrungen mit dem interreligiösen Dialog in der Vergangenheit zeigen, dass die Beschäftigung mit der anderen Religion immer auch ein vertieftes Verständnis der eigenen Religion ermöglicht. Wenn Kirchengemeinden und Einrichtungen durch die Interkulturelle Öffnung ermutigt werden, sich auch in ein interreligiöses Gespräch zu begeben, so wird dies die religiöse Sprachfähigkeit fördern und die eigene christliche Identität stärken.

Die Wahrnehmung des Anderen als gläubigen Menschen ermöglicht die Entwicklung von Empathie und Einfühlung. Der interreligiöse Dialog kann enge Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens, zwischen Kirchengemeinden, Synagogen und Moscheevereinen befördern. Dies wirkt sich auf das Zusammenleben in der Gemeinde und im Stadtteil aus und kann zu einem friedlichen Miteinander beitragen.

Foto: Besuch in der DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg beim Tag der offenen Moschee. Foto: epd / Stefan Arend

Dr. Beate Sträter

Dr. Beate Sträter

geb. 1961, Schulreferentin in Bonn, Pastorin i.E. und Politikwissenschaftlerin. Seit vielen Jahren im christlich-muslimischen und christlich-jüdischen Gespräch engagiert, Synodalbeauftragte des Kirchenkreises Bonn für das christlich-muslimische Gespräch, Vorsitzende des Arbeitskreises Christen und Muslime in der EKiR und Mitglied in der Konferenz für Islamfragen der EKD.
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