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Geschrieben von am 11.09.2015 in Interkulturelle Öffnung im Dialog mit anders- und nichtgläubigen Menschen | Keine Kommentare

Interkulturelle Öffnung im Dialog mit anders- und nicht gläubigen Menschen: Pluralitätsfähigkeit und evangelisches Profil in der pädagogischen Arbeit

Interkulturelle Öffnung im Dialog mit anders- und nicht gläubigen Menschen:  Pluralitätsfähigkeit und evangelisches Profil in der pädagogischen Arbeit

Die Frage nach dem evangelischen Profil einer Einrichtung oder eines kirchlichen Arbeitsbereiches ist nicht formal zu beantworten. Sie ist inhaltlich zu füllen und nicht mit einer äußeren Anforderung abzudecken, wonach alle Mitarbeitenden der evangelischen Kirche angehören müssen. Manchmal kann es sogar sein, dass Mitarbeitende mit einer anderen religiösen Zugehörigkeit in besonderer Weise geeignet sind, das evangelische Profil eines Angebotes deutlich zu machen und zu verwirklichen.

Gerade in den religionspädagogischen und diakonischen Arbeitsfeldern von Kirchengemeinden, Ämtern und Werken nimmt die Kirche ihren Auftrag wahr, durch ihr Handeln die Liebe Gottes für alle Menschen spürbar werden zu lassen. Dabei geht es nicht allein um Hilfe in Not oder Begleitung in schwierigen Lebenslagen, vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liegt ein wichtiger Beitrag für die Zukunft unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die unter den Voraussetzungen von Globalisierung und Migration eine fortschreitende religiöse und kulturelle Pluralität aufweist, stellt auch die Kirche vor die Herausforderung, zu einem friedlichen Zusammenleben, der Verwirklichung von Gerechtigkeit und Partizipation beizutragen. Dies umso mehr, als wir auch erleben, dass Pluralität bei vielen Menschen Ängste schürt und Vorbehalte weckt oder verstärkt, die die Offenheit und demokratische Ausrichtung unserer Gesellschaft bedrohen. Vom christlichen Standpunkt aus sind diese Positionen nicht mit dem christlichen Menschenbild und der Botschaft vom Reich Gottes, der Versöhnung und der Befreiung des Menschen zu vereinbaren. In kirchlichen Einrichtungen sollen Menschen erfahren können, dass der Glaube Orientierung vermittelt und Identität stiftet. Sie können neue Perspektiven gewinnen und Gestaltungsspielräume entdecken, die von der Hoffnung auf eine Gesellschaft getragen sind, in der alle in ihrer Verschiedenheit einen Platz haben. Von da aus ist es naheliegend, dass sich diese Pluralität, wo es sich anbietet, auch bei den Mitarbeitenden abbildet. Es ist theologisch nicht zu begründen, warum sich die Liebe und Zuwendung Gottes zu allen Menschen nur durch Mitglieder der evangelischen Kirche zeigen soll. Vielmehr kann die Kirche auch in ihrer eigenen Arbeit deutlich werden lassen, dass diese Vielfalt lebbar ist und einen konstruktiven und hoffnungsvollen Beitrag zum Wohle aller leistet.

Was bedeutet das „Evangelische“ – für mich?

Menschen anderer Religion, die daran mitwirken wollen, sei es in der Diakonie, im Kindergarten, in der Flüchtlingsarbeit oder in der Jugendarbeit, sollte klar sein, mit welchem Auftrag und welchem Selbstverständnis diese Arbeit getan wird, was das „Evangelische“ daran ist. Dies setzt möglicherweise auch bei den anderen Mitarbeitenden eine Verständigung darüber in Gang, was für sie das evangelische Profil ihrer Arbeit bedeutet, was ihr eigener Beitrag dazu und der eines nicht christlichen Kollegen oder einer Kollegin sein kann. Es geht gerade nicht darum, dass die Religionszugehörigkeit unwichtig ist, sondern der bewusste Umgang mit ihr ist im Prozess interkultureller Öffnung gefordert, allerdings nicht in einem exklusiven, sondern in einem inklusiven Verständnis.

Im Jahr 2013 veröffentlichte der Rheinische Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder unter dem Titel „Hoffnung leben – evangelische Anstöße zur Qualitätsentwicklung“ eine Arbeitshilfe, in der nicht nur interkulturelle, sondern explizit interreligiöse Kompetenzen als durchgehendes Qualitätsmerkmal einer evangelischen Kindertagesstätte benannt werden. Auf der Ebene des Trägers wird hier deutlich formuliert, dass auf der Grundlage einer detaillierten Funktionsbeschreibung die Einstellung von Mitarbeitenden anderer Religionen einen wichtigen Beitrag zu Qualitätsentwicklung darstellt. Die vielfältigen praktischen Erfahrungen aus der Arbeit mit Kindern und ihren Eltern führen gerade in dieser Veröffentlichung zu einem evangelisch begründeten Begriff von Qualität, der aus der theologischen Reflexion heraus die interreligiöse Kompetenz benennt.

Interreligiöse Kooperation mit der eigenen Identität und dem religiös Anderen
Was das Arbeitsfeld Schule und Religionsunterricht betrifft, so sieht die EKD-Denkschrift „Religiöse Orientierung gewinnen – Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule“ gerade in der Entwicklung von Pluralitätsfähigkeit eine zentrale Aufgabe des Religionsunterrichts. Zwar geht es hier nicht darum, andersgläubige Lehrkräfte für den evangelischen Religionsunterricht einzustellen, doch der evangelische Religionsunterricht als solcher wird als der Ort benannt, wo Pluralitätsfähigkeit entwickelt und in das Schulleben eingetragen werden kann. Dabei wird bewusst auf den interreligiösen Aspekt abgehoben und damit einer Tendenz begegnet, die alles Religiöse aus der Schule verbannen und sich ausschließlich auf ethische oder interkulturelle Aspekte beschränken will. Religion gehört für viele Menschen, egal welchen Alters, zu ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis. Dies wahrzunehmen, und nicht auszublenden, ermöglicht es, einen Umgang mit der eigenen Identität gegenüber dem religiös Anderen zu gewinnen.

Interreligiöse Kooperation, und damit verbunden der beständige Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive, kann gelingen, wo es Kolleginnen und Kollegen gibt, die z.B. islamischen Religionsunterricht erteilen. Auch im Religionsunterricht, so kann man zusammenfassend sagen, ist der Erwerb interreligiöser Kompetenz ein wichtiges Ziel. Wo dies gemeinsam mit andersgläubigen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften gelingen kann, bieten sich vielfältige Lernchancen. Die Frage, inwieweit Schulen in evangelischer Trägerschaft z.B. auch islamischen Religionsunterricht anbieten können, ist in der Diskussion und wird sich besonders dort als sinnvoll erweisen, wo das Umfeld der Schule und damit der nicht evangelische Anteil der Schülerschaft dies nahelegt.

Was hier für das evangelische Profil der pädagogischen Arbeit exemplarisch dargestellt wurde, kann in ähnlicher Weise auch für viele andere kirchliche und diakonische Arbeitsbereiche der Kirche entwickelt werden. Festzuhalten ist, dass ein evangelisches Profil sich nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Realität formulieren lässt. Vielmehr muss immer wieder die Frage gestellt werden, was unser christlicher Glaube und der Auftrag der Kirche in dieser Welt aktuell von uns fordert und was er uns zu bedenken gibt.

Eine theologische Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen wird immer zuallererst eine inhaltliche Verortung vornehmen und von dort aus zu einer formalen und rechtlichen Ordnung kommen, in der ein evangelisches Profil Gestalt gewinnt.

Foto: Islamischer Religionsunterricht in der Bonner Andreasschule mit Lehrer Bernd Ridwan Bauknecht. Foto: epd / Barbara Frommann

Dr. Beate Sträter

Dr. Beate Sträter

geb. 1961, Schulreferentin in Bonn, Pastorin i.E. und Politikwissenschaftlerin. Seit vielen Jahren im christlich-muslimischen und christlich-jüdischen Gespräch engagiert, Synodalbeauftragte des Kirchenkreises Bonn für das christlich-muslimische Gespräch, Vorsitzende des Arbeitskreises Christen und Muslime in der EKiR und Mitglied in der Konferenz für Islamfragen der EKD.
Dr. Beate Sträter

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